Die etwas andere Agentin

Die etwas andere Agentin

Vorerst war die Befragung durch die Polizei beendet. Obwohl es für Heiko am schlechtesten stand, hatte man ihn nicht vorläufig festgenommen. Es bestand keine Gefahr, dass er untertauchen würde. Das es sein Halstuch war, welches Carl Arnsburg in seinen toten Händen hielt, sprach nicht für Heiko. Seine Behauptung, er könnte so was nicht , dazu wäre er nicht fähig, hatten die Beamten von der Mordkommission schon häufig gehört. Für Heiko hatte gesprochen, dass er nicht sofort weggelaufen war. Seine Aussage, er hätte in einem Nebenzimmer gewartet, klang nur deshalb einigermaßen glaubwürdig, weil auch Charlotte und Tilo gleiches von sich behauptet hatten. Für die Polizei waren alle drei verdächtig. Zumal sie mit ihrem Grund der Anwesenheit sich selber ein Motiv verschafft hatten. Jetzt saßen alle drei im Restaurant „Sissis Fuß“, welches sich im Erdgeschoss des ehemaligen Fabrikgebäudes befand. Um die Zeit hatte die Küche bereits geschlossen.

Man hatte eigentlich nur noch geöffnet, weil sich mit den Schaulustigen und Presseleuten Geld verdienen ließ. Der vor ihnen stehende Kaffee wäre zu einer anderen Tageszeit frischer gewesen. Sie waren aber zu sehr mit sich selber beschäftigt, um das zu merken. Jeder schwieg auf seine Weise, was im Falle von Heiko bedeutet, dass er redete wie ein Wasserfall.
„Und dann haben Carl und ich unseren ersten gemeinsamen Eierkocher gekauft.“
Charlotte kam es vor, als würde ihr gleich das Blut aus den Ohren laufen. Tilo dachte darüber nach, ob erwürgen und anschließendes herausschneiden der Zunge noch als Affekthandlung oder gar Notwehr durchgehen würden.
Mitten in die Runde platze einer aus der Pressemeute. Volontäre waren mit den Spielregeln noch nicht vertraut. Möglicherweise kannte der Arme Charlotte auch noch nicht.
„Entschuldigen Sie, dürfte ich ihnen ein paar Fragen stellen?“
„Nein!“ warf Charlotte ihm an den Kopf.
„Was nein?“
„Ich entschuldige nichts“
„Sind Sie beleidigt?“
„Ich bin nicht beleidigt. Ich nur sehr nachtragend.“
Ohne ein weiteres Wort zog der Volontär mit hochroten Kopf an. Jahre später noch, nach dem er sein Studium geschmissen und mit großem Erfolg auf die Produktion von Bio-Ziegenkäse umgestiegen war, würde er sich noch an diesen Wendepunkt erinnern. Seinen Kindern würde er sagen, dass es das Beste gewesen war, was ihm passieren konnte.
Gerade als Heiko wieder ansetzen konnte, trat die Kellnerin an den Tisch.
„Sie wollen zahlen.“ Das klang nicht nur wie eine Feststellung.
Sie fing damit an, die Kaffeebecher abzuräumen. Im restlichen Restaurant herrschte bereits Aufbruchstimmung. Tilo schmiss Geld auf den Tisch.
„Geht auf mich.“
Die Kellnerin nahm den passend abgezählten Betrag nicht ohne ihm einen giftigen Blick zu zuwerfen. Tilo rückte seinen Stuhl zurück.
„Ich kenne da einen Laden, wo man um die Zeit noch was Anständiges zu trinken bekommt.“
„Die Bedienung ist auch besser“, schob er nach, als er sicher war, dass die Kellnerin noch in Hörweite befand. Charlotte stand auf. Der Abend konnte eigentlich nur noch besser werden.
„Warum nicht.“
„Ich bin mit dem Wagen da, was ist mit Ihnen?“
Heiko zuckte mit den Schultern. Alleine nach Hause wollte er nicht. Lieber noch was trinken. Sein Halstuch würde er so schnell nicht wieder bekommen. Hinter ihnen stellte das Personal die Stühle auf die Tische.

Nach einer kurzen Autofahrt standen sie vor der „Drehscheibe“. Das man dort rauchen durfte, fand Charlotte schon mal sympathisch. Entsprechend sah es auch drinnen aus. Beim eintreten bekam Heiko einen Hustenanfall.
„Wird schon.“ Tilo klopfte ihm auf den Rücken.
Charlotte, Tilo und Heiko waren bei der sechsten Runde der Hausmarke angelangt. Nachdem bereits Charlotte und Tilo erzählt hatten, was sie mit Arnsburg verband, endete Heiko gerade mit einer Feststellung
„Manche Menschen sind wie Katzen. Wenn sie fallen, landen sie immer auf ihren Pfoten. Ich bin eher ein Marmeladenbrot.“
Ganz ehrlich war Charlotte nicht gewesen. Den gescheiterten One-Night-Stand mit Arnsburg hatte sie weggelassen. Zwischen den dreien entwickelte sich die Sympathie von Menschen, die im gleichen Bot sitzen, sich aber unter normalen Umständen nicht ausstehen konnten. Sie alle verband die Verdächtigung durch die Polizei. Sie redeten sich die Köpfe heiß. Das sie jeweils in verschiedene Zimmer gesteckt worden waren, konnte kein Zufall gewesen sein. Überhaupt schien der Verlauf des Abends geplant worden zu sein. Als erstes sprach Charlotte aus, was in der Luft hing.
„Helene Funke, dieses Miststück!“
Heikos Version der Geschichte, dass sie mit seinem Halstuch verschwunden war, kam ihr glaubwürdiger denn je vor. Sie trank ihr Glas in einem Zug leer und knallte es auf den Tisch.

Währenddessen hatte sich Helene Zutritt zum Haus verschafft. Es reichte, irgendwo oben zu klingeln. Irgendjemand machte immer auf. An der Wohnungstür kam sie aber nicht weiter. Sie blickte auf das Klingelschild. Dort standen zwei Namen, einer davon war durchgestrichen. Nicht gut. Keiner der sie rein lassen würde. Vielleicht gab es noch eine andere Möglichkeit. Zum aufbrechen fehlte ihr sowohl Werkzeug als auch Talent.
Nicht wenige Menschen ließen einen Ersatzschlüssel unter der Fußmatte liegen für den Fall, dass es ihnen gelang, sich selber auszusperren. Auch wenn Helene nicht an Glück glaubte, schaute sie unter der Matte nach. Dort lag wirklich ein Schlüssel, der zur Tür passte. Ohne zu zögern schloss sie auf und zog die Tür hinter sich zu. Wie viel Zeit sie hatte, bis der Bewohner wieder zurück kam, wusste sie nicht.
Vorsichtige Einbrecher verzichteten darauf, Licht anzuschalten. Da aber Helene die Tür nicht aufgebrochen hatte, keine Taschenlampe dabei hatte und im Dunklen nicht sehen konnte, tastete sie nach so etwas wie einem Lichtschalter.
Die Birne flackerte nur kurz auf, dann war es wieder dunkel. Über einen Stapel Bücher stolpernd, tastete sich Helene weiter vor, bis zum ersten Zimmer. Der Schalter an der Tür ließ die Lampe im Bad erleuchten. Badezimmer in einer reinen Männerwohnung. Nur wenige Plätzen auf der Erde war unsauberer.

Ekel überfiel Helene. Das Gefühl, sich beim bloßen Anblick des Badezimmers mit irgendwas angesteckt zu haben. Sie ließ die Tür nur wegen des Lichtscheins auf. Das nächste Zimmer war leer. Beruhigend, dass sie sich hinsichtlich des durchgestrichenen Namens nicht getäuscht hatte. Gegenüber befand sich die Küche. Schmutziges Geschirr, das übliche Chaos und eine Frau, die am Tisch saß. Helenes Herz schlug schneller. Sie trat ein paar Schritte zurück.
Erst auf den zweiten Blick erkannte Helene, dass es eine Puppe war, die sie anschaute. Der Schreck saß. Erst das letzte Zimmer war der Raum, den sie gesucht hatte. Noch mehr Bücher, ein Schreibtisch und eindeutige DVD-Hüllen, die etwas versteckt rechts vom Bildschirm aufgestapelt waren. Eine beachtliche Pornosammlung. Allerdings wusste Helene, dass Herr Hartlieb diese aus beruflichen Gründen dort hatte. Sie nahm die DVD’s zu Hand, ging sie eine nach der anderen durch. Nichts. Die mit dem Titel „Kalle lässt es krachen“ befand sich nicht darunter.
Ihr Glück schien zu Ende zu sein. Auch wenn sie es hatte vermeiden wollen, blieb ihr keine andere Wahl.
Erneut sah sie sich im Zimmer um. Die DVD konnte überall sein. Das hatte sie sich einfacher vorgestellt. Alles zu durchsuchen erhöhte nur das Risiko, überrascht zu werden. In dem Fall wäre sie auf jeden Fall in der schlechteren Position.
Sie nahm sich ein Blatt Papier aus dem Drucker und einen Stift vom Schreibtisch. Damit ging sie zurück in die Küche. Lange musste sie nicht überlegen.

Tilo war bester Laune, als er sich früh am Morgen auf den Weg nach Hause machte. Der Wagen stand noch vor der „Drehscheibe“, den mehr Ärger mit der Polizei konnte er bestimmt nicht gebrauchen. Der Abend und die Nacht waren noch sehr lustig gewesen. Irgendwann hatten sie es nicht dabei belassen, nur ihre Visitenkarten auszutauschen, sondern auch noch Brüderschaft getrunken. Er war sich sicher, dass er sich in ein paar Stunden schrecklich fühlen würde. Die Hausmarke war bekannt für ihre Nebenwirkungen. Schneller als gedacht fühlte sich Tilo entsetzlich. Jemand war in seiner Wohnung gewesen, ohne Zweifel. Nicht nur, weil das Licht im Badezimmer noch brannte, oder der Rechner an war. So was konnte Tilo beim Verlassen der Wohnung schnell selber passiert sein.
In der Küche lag ein Zettel auf dem Tisch. Von Elvira fehlte jede Spur. Alleine würde sie ihn kaum verlassen haben. Die Nachricht auf dem Zettel war eindeutig. Elvira war entführt worden. Statt Lösegeld wurde lediglich eine Film-DVD gefordert. Ausgerechnet ein Pornofilm, wie bizar. Tilo wollte sich gar nicht vorstellen, was der Entführer Elvira alles antun könnte.
Tilo schaute auf die Uhr. In etwas mehr als zwei Stunden sollte er sich mit dem Entführer an der Autobahnraststätte Geismühle West treffen. Genauerer Anweisungen würden vor Ort folgen. Sein Handy sollte er mitnehmen. Erst der Mord. Dann die Entführung. Tilo ging ins Bad und hielt sich den Kopf unter Wasser. Zufälle gab es nicht. Vor allem nicht, wenn der Entführer ausgerechnet den letzten Film von Arnsburg „Kalle lässt es krachen“ haben wollte. Den kannte nur sehr wenige. Und eine Hand voll Leute wussten von dem Titel.
Das der Film noch mal wichtig werden würde, hätte Tilo nie gedacht. Momentan erfüllte die DVD eine ganz andere Rolle. Um die Unebenheiten des Schreibtisches auszugleichen, hatte Tilo sie unter die eine Hälfte des Bildschirms geschoben. Tilo nahm die DVD aus der Hülle und schob sie ins Laufwerk. Wenn er sie schon abgeben sollte, dann wollte er wenigstens wissen, was darauf so wichtiges zu sehen war. Schwache Handlung, viel Gestöhne und halt das Übliche. Tilo stutzte. Das Gesicht der einen Darstellerin kam ihm bekannt vor.

Er hielt den Film an, schaute noch mal genau. Die Frau sah nicht nur aus wie Helene Funke, es war Funke, die Managerin von Arnsburg. Das sah für ihn nach einem guten Grund aus. Zwar noch nicht dafür, jemanden umzubringen. Auf jeden Fall aber für den Einbruch in seine Wohnung. Gut, er war selber Schuld mit dem Schlüssel unter der Türmatte. Wenn mehr als Elvira verschwunden wäre, hätte er auch Probleme gehabt, die Sache seiner Versicherung zu erklären. Wenn aber Funke geplant hatte, sich Zutritt zu seiner Wohnung zu verschaffen – Tilo dachte zu viel für diese Uhrzeit. Von so was bekam er immer schnell Nachdurst. Um Elvira wieder zu bekommen, musste er Funke die DVD aushändigen. Das sie die Entführerin war, stand für Tilo zweifelsfrei fest.

Möglicherweise war sie auch noch für wesentlich mehr verantwortlich. Tilo dachte an das Gespräch mit den beiden anderen. Funke, eine Mörderin. So richtig vorstellen konnte er sich  das nicht. Auf der anderen Seite wollte er kein Risiko eingehen.
Alleine zum Treffpunkt zu fahren, kam für ihn daher nicht in Frage. Um diese Uhrzeit zwei Menschen aus den Betten zu klingeln, die er erst wenige Stunde vorher kennen gelernt hatte, war sicher keine besonders gute Idee. Es war aber die einzige, die er im Moment hatte. Vielleicht würde es die anderen interessieren, wenn er von Funke erzählen würde. Das mit Elvira konnte er erstmal weglassen. Tilo zog die Karten der beiden aus seiner Hosentasche. Etwas verknudelt, aber die Nummern waren gut lesbar.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klang nur noch entfernt menschlich. Ein Röcheln, welches nur geübte Ohren als „Ja bitte“ identifiziert hätten. Zehnmal hatte es Tilo klingeln lassen, bevor Heiko abnahm. Als die Flüche auf ihn einprasselnd wie ein Regenschauer, wünschte sich Tilo das Röcheln wieder zurück. Nachdem Heiko zum Luftholen eine Pause einlegen musste, kam er endlich dazu, von Funke zu erzählen. Danach klang Heikos Stimme zwar immer noch müde, aber er war mehr als interessiert. Wäre Tilo vermutlich auch, wenn das sein Halstuch gewesen und er der Hauptverdächtige gewesen wäre. Alles was Heikos Unschuld eindeutig beweisen würde, kam ihm bestimmt gerade Recht. Sie vereinbarten eine Uhrzeit. Tilo würde mit dem Wagen kommen. Das mit dem Alkohol spielte jetzt auch keine Rolle mehr.
Der nächste Anruf galt Charlotte.
„Charlotte von. Ach, Herr Hartlieb, Sie sind es.“
„Tilo.“
„Ach ja. Tilo. Noch wach?“
„Und selber?“
Charlotte verschwieg ihm, dass sie noch an ihrem Artikel geschrieben hatte. Immer wieder hatte sie neu angefangen. Eine Theaterkritik zu einem frischen Toten. Der Nachruf würde ihr wesentlich besser gefallen, aber das würde sie vorher mit der Redaktion abklären müssen. Sie versuchte sich auf die Stimme dieses Tilos zu konzentrieren. Es ging um eine Erpressung, wie er es ausdrückte. Keine Sache, mit der sie sich beschäftigten würde. Der Name Funke weckte jedoch ihr Interesse. Da war sie wieder, diese Managerin von Arnsburg. Wenn es wahr war, dass sie hinter der Erpressung steht, wie Tilo behauptete, wäre ihr auch ein Mord zu zutrauen. Aber warum? Um was ging es hier? Charlotte von Leiwa war nicht Miss Marpel vom Niederrhein. Sie hatte eindeutig andere Angewohnheiten. Ihr Jagd-Instinkt war dennoch geweckt. Mit Tilo vereinbarte sie eine Uhrzeit, die ihr noch ermöglichen würde, sich zumindest etwas frisch zu machen. Währenddessen konnte sie auch überlegen, wie sie vorgehen sollten. Mit jemanden, der andere erpressen konnte, war sicher nicht zu spaßen. Möglich, dass er auch bewaffnet war. Oder sie. In dem Fall sollten sie Heiko vorschicken. Mit seinem Bauch würde er die Kugeln abfangen können.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren