Marco Polo ist kein Einzelkind

Marco Polo ist kein Einzelkind

Schlechtes Wetter und gute Vorsätze, das wäre die Gelegenheit für eine Studie über Ausreden. Als leidenschaftlicher Spieler brauche ich allerdings keine Ausrede, um ein Spiel aus dem Regal zu holen. Es reicht, einfach Lust auf ein Spiel wie Marco Polo zu haben. Wobei in dem Zusammenhang sowohl „Lust“ als auch der Spieltitel etwas komplizierter sind.

Längster bekannter Titel

Soweit ich meine Sammlung im Blick habe, dürfte „Auf den Spuren von Marco Polo“ tatsächlich das Spiel mit dem längsten Titel sein. Warum man das Spiel so und nicht anders genannt hat, erschließt sich mit nicht. Verkaufsfördernde Gründe dürften es jedenfalls nicht gewesen sein.
Statt in Anlehnung an einen früheren Prinzen nenne ich den Titel verkürzt im folgenden Marco Polo und nicht etwa ADSVMP. Thematische Anleihen an den Reisenden aus Venedig hat das Spiel ehedem.

Marco Polo kauft ein
Marco Polo kauft ein

Ausgerechnet das Spiel

Warum gestern ausgerechnet Marco Polo auf den Spieltisch kam, ist schnell erklärt. Nach Concordia und Mombasa wollten meine Frau und ich ein weiteres Handelsspiel mit historischer Anlehnung spielen.
Für mich war es dabei ein Wiedereinstieg in die Regeln, da wir vor längerer Zeit schon mal Marco Polo gespielt haben. „Sollte nicht so schwer sein“, dachte ich.

Der erste Schock

Bereits beim auspacken des Materials traf mich der erste Schlag. So viel Material. Trotz guter Sortierung in Zipbeuteln dauerte der Aufbau länger als gedacht. Dann kam die Anleitung und die erste richtig große Desorientierung. Eine Anleitung, ein Beiblatt und eine Karte „Einsteiger – Spielablauf“. Wo anfangen bei Marco Polo?
Tapfer nahm ich mir das Regelheft vor, mit 16 Seiten kein Leichtgewicht.

Weniger ist mehr

Irgendjemand muss Verlagen mal glaubhaft versichert haben, mehr Farbe wäre grundsätzlich ein Zugewinn in einer Spielanleitung. Unerheblich, dass dadurch die Lesbarkeit deutlich abnimmt. Grundlagen der Typographie scheinen beim Gestalten von Spielregeln auch eher unbekannt zu sein.
Um es kurz zu machen, die Aufmachung der Spielregeln von Marco Polo empfinde ich als Zumutung. Die beiden zusätzlichen Beigaben verwirren mehr als das sie helfen. Eine verständliche Anleitung hätte gereicht.

Sprachneutrales Spielmaterial

Es mag zwar löblich erscheinen, durchweg sprachneutrales Spielmaterial zu verwenden. Durch die Schaffung einer eigenen Bildsprache erschwert sich der Zugang zu einem Spiel deutlich. Bei Marco Polo kommt noch hinzu, dass man auf Teufel komm raus möglichst viele Abwechslung unterbinden wollte. Die Stadtkarten werden zufällig verteilt, die Kontorboni, die Stadtbonusmarken so wie die Aufträge und dann gibt es noch unterschiedliche Charakterkarten für die Spieler.
Ach ja, ganz vergessen habe ich die Zielkarten, auf die komme ich noch mal zu sprechen.

Worum geht es in Marco Polo

Im Grunde handelt es sich bei Marco Polo um ein Würfeleinsetzspiel. Die Spiele Würfel alle ihre verfügbaren Würfel zu Beginn einer Runde und versuchen dann, Aktion möglichst günstig auszuführen. Jede Aktion wird mit Würfel und eventuell Geld bezahlt. Man tauscht Waren ein und erwirbt sie, um Aufträge zu erledigen. Diese Aufträge bringen Siegpunkte und zusätzliche Belohnungen. Wer am Ende am meisten Aufträge erledigt hat, bekommt zudem weitere Siegpunkte gutgeschrieben.
Das ist längst noch nicht alles, um Punkte zu bekommen. Eigentlich ist es mehr, als man bei einem Durchlauf im Kopf behalten kann.

Die Regel ist keine Ausnahme

Dadurch, dass ich in diesem Jahr bereits ein erhebliches Pensum an gespielten Spielen hinter mir liegen habe, traue ich mir ein gewisses Urteilsvermögen zu. Für mich ist die Anleitung von Marco Polo eine Zumutung. Ich sehe hier deutliches Verbesserungspotential. Es gibt zu viel Redundanz in der Regel, gleichzeitig werden wichtige Ausnahmen erst an späterer Stelle erklärt.
Leider scheinen schlechte Anleitungen mittlerweile ein Trend zu sein.

Die bessere Anleitung

Im Grunde ließe sich Marco Polo erheblich besser erklären, wenn man die Aktionsmöglichkeiten kompakter darstellt. Jede Runde muss ein Spieler mindestens einen seiner Würfel einsetzen. Passen ist nicht erlaubt. Wer keinen Würfel mehr einsetzen kann, ist für den Rest der laufenden Runde nicht mehr am Zug.
Auf dem Spielplan gibt es drei Sorten von Aktionsfelder. Lila (meine Idee zu besseren Unterscheidung), Braun und Blau.
Auf dem lila Feld darf jeder Spieler in seiner Aktionsphase immer wieder einen Würfel ablegen, um sich drei Geld zu nehmen. Es ist dabei egal, ob sich dort bereits andere Würfel befinden.
Auf braunen Feldern kann pro Spielrunde nur ein Würfel liegen. Auf blauen Feldern dürfen mehrere Würfel unterschiedlicher Spielfarbe eingesetzt werden.

Zu viel Freiheit verwirrt

Das man auf den blauen Feldern, sofern man nicht der erste Spieler in einer Runde ist, der dort Würfel platziert, auch noch Geld bezahlen muss, sollte auch nicht erst am Ende der Regel erwähnt werden. Nun ja, wer bin ich schon das ich mir anmaße Spielregeln zu kritisieren.
Die Vielzahl an Variationsmöglichkeiten verwirrt nicht nur bei Marco Polo, sondern sie führt auch zu einem frustrierenden Spielerlebnis. Zumindest ging es mir so.

Ungleichheit ist kein Vorteil

Die Regeln habe ich, wie so oft, erklärt. Sie lagen die ganze Zeit vor mir. Ein Stück weit kann ich mir vielleicht etwas drauf einbilden, gut erklärt zu haben, denn gewonnen hat meine Frau. Würde immer der Erklärbär gewinnen, spräche das gegen seine Erklärungen.
Gewonnen hat meine Frau mit einem deutlichen Vorsprung von 64 Punkten zu 21 von mir. Dabei war mir schon nach der zweiten von fünf Runden klar, dass ich die Chancen auf den Sieg verspielt hatte. Wer seine Zielkarten nicht genau studiert und eine falsche Route einschlägt, kann dies im weiteren Verlauf nicht mehr korrigieren.

Schlechter als seine Kritik

Für mich ist Marco Polo ganz klar kein herausragendes Spiel. Die vielen positiven Rezensionen, unter anderem bei hall9000 kann ich nicht nachvollziehen. Ja, es ist kein schlechtes Spiel. Aber eins, bei dem ein paar Korrekturen nicht nur bei der Anleitung besser gewesen wären. Am Ende des Tages bleibt ein Spiel mit einem erheblichen Glücksfaktor, welches diesen versucht durch das vortäuschen von Möglichkeiten zu verschleiern.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren