Hoch auf dem gelben Wagen

Hoch auf dem gelben Wagen

Die vielen Nachrufe in diesem Jahr, ich schrieb es bereits beim letzten Mal, machen mich mittlerweile unendlich traurig. Schon vor den Sommerferien ahnte ich, dass es in diesem Jahr noch mehr werden würden. So kam es dann leider auch und es wird auch wohl so weiter gehen.

Gestern wurde der Tod zwei, sehr unterschiedlicher, Politiker vermeldet. Der einen bekam einen sehr großen Nachruf heut in der Süddeutsche Zeitung, für den anderen blieb nur wenig Platz.

Unsplash / Pixabay

Als hörte, das Walter Scheel verstorben war, ging mir als erstes, auch wenn es ein böser Gedanke ist, folgendes durch den Kopf: „Der hat noch gelebt?“ Tatsächlich wusste ich nichts über den Mann, der unter anderem zwischen 1974 und 1979 Bundespräsident gewesen war. Politisch ist er mir nicht in Erinnerung geblieben, was aber eher an meinem Jahrgang als an seinen unbestrittene Leistungen liegt. Einzig und allein an das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ kann ich mich erinnern und das es mit ihm in Verbindung stand.

Das lag an einem kleinem Bild im Esszimmer zu Hause. Eine kitschig halb kolorierte Zeichnung eines unbekannten Künstlers von einer Postkutsche. Warum das bei uns zu Hause (wie auch einige andere kitschig Bilder) hing, weiss ich bis heute nicht. Jedenfalls, das Bild verband ich mit Walter Scheel. Vermutlich hatte ich bei einem Geburtstag irgendwas aufgeschnappt, was ein Verwandter in Gegenwart des Bildes von sich gegeben hatte. Vorstellbar, ja. Wobei ich mich ansonsten an kaum eine politische Diskussion auf Geburtstagsfeiern oder bei sonstigen Anlässen erinnern kann.

Darüber hinaus verbinde ich nichts mit Walter Scheel. Er war FDP-Mitglied bis zu letzt, was mir bekannt war. Aber in welchen Bereichen er nach seiner Amtszeit tätig war, erfuhr ich erst nach seinem Tod durch andere Nachrufe.

Ganz anders sieht es beim zweiten Toten von gestern aus. Der ehemalige Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau, SPD-Mitglied und damit Genossen. Freund vom verstorbenen Helmut Schmidt und Hanseat durch und durch wie eben jener. Ein Politiker, der eine Haltung hatte.

Ein Hanseat gibt sein Wort und zwar mündlich oder per Handschlag – und er hält es auch.

Ein Mensch, der lieber auf die Macht verzichtet als sein Wort zu brechen. Jemand, der zu seiner Überzeugung stand und für sie auch einstand. So was beeindruckt mich. Gerade in der SPD fehlen zunehmen Menschen wie er.

Was sowohl Voscherau als auch Schell verband ist ihre Interpretation dessen, was einen Politiker ausmacht. Der Wille zu Gestaltung verbunden mit der Auffassung, der Demokratie und nicht sich selber zu dienen.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren