Provokationsfreie Nachbarschaft

Provokationsfreie Nachbarschaft

Facebook nutzte ich unter anderem dafür, über das, was in meiner näheren Umgebung passiert, auf dem Laufenden zu bleiben. So eine Art Ersatz für den Lokalteil. Die Gruppe „Nippes“ hat dabei ein bisschen was von Kontaktanzeigen, schwarzem Brett und Gerüchteküche, vermischt mit Infobits.

In der Regel ist der Ton nachbarschaftlich. Dei meisten Mitglieder der Gruppe verhalten sich auch gesittet, die üblichen Quartalsirren gehören dazu. Was mir heute jedoch ausließ war der Beginn einer politischen Diskussion, die für mich den bitteren Beigeschmack der Provokation hat. Ja, auch ich habe eine Meinung zur Demonstration gestern in Deutz. Darauf werde ich auch weiter unten auch noch eingehen. Hier im Blog, wo dafür Platz ist. Meine Meinung gehört aber nicht in eine Facebookgruppe, bei der ich weiss, wer dort alles ist — und wer möglicherweise eine flapsig formulierte Frage falsch verstehen könnte.

niekverlaan / Pixabay

Für politische Auseinandersetzungen gibt es genügend Gruppe bei Facebook, auch lokale. Es muss aber nicht in einer Nippes-Gruppe über „Erdowahn“ diskutiert werden. Nippes ist ein multikulturelles Viertel und ich für meinen Teil renne auch nicht in die nächste Dönerbude und stelle den Besitzer zur Rede. Ober er für oder gegen Erdogan ist, möchte ich auch nicht von unserem Paketboten wissen. Wir sollten einander als Nachbarn mit Respekt begegnen. Allein schon deshalb, weil wir uns fast täglich in der einen oder anderen Form über den Weg laufen.

Wenn jemand eine andere Sichtweise auf die Ereignisse in der Türkei hat als ich, ist das sein gutes Recht. Und fällt in unserer Demokratie unter Meinungsfreiheit. Zudem kann ich mit ihm trotzdem noch friedlich einen Ayran — obwohl wir andere Ansichten haben.

So. Nun aber zu meiner persönlichen Meinung hinsichtlich der Demonstration in Köln am Wochenende. Über 30.0000 Menschen haben am Sonntag gegen den Militärputsch und für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan demonstriert. Warum ausgerechnet in Köln, war das erste, was mir dazu durch den Kopf ging.

Natürlich finde ich es befremdlich, wenn Menschen, teilweise sogar Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, Demokratie und Meinungsfreiheit dazu verwenden um für die Abschaffung von Demokratie und Meinungsfreiheit in der Türkei zu demonstrieren. Es ist aber ihr Recht — selbst wenn es uns nicht passt und einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

Wir müssen auch erkennen, das die Teilnehmer der Demonstration eine andere Sicht auf die Dinge habe. Für sie scheint es in Ordnung zu gehen, wenn reihenweise Menschen in der Türkei verhaftet werden, wenn der Präsident dem gesamten Staat umkrempelt und auf sich zuschneidet.

Meinungsfreiheit in Deutschland, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, geht aber in beide Richtungen. So nehme ich mir für meinen Teil raus zu sagen, was ich von Erdoğan halte. Das müsst ihr euch gefallen lassen. So wie ihr es euch auch von jedem anderem Bürger in diesem Land gefallen lassen müsst. Sofern ihr dann aber mit körperlicher Gewalt oder sogar Tod droht, verhaltet ihr euch strafrechtlich relevant. Und ganz ehrlich, wer Bürgerinnen und Bürger dieses Landes bedroht, hat unsere Gesellschaft und ihre Spielregeln nicht verstanden und sollte sich Fragen, ob er nicht in einem anderen Land (zum Beispiel der Türkei) glücklicher würde.

Und mal ganz ehrlich: wenn ihr Erdoğan so toll findet, warum seid ihr dann hier?

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren