Die Jacke aus Duisburg

Die Jacke aus Duisburg

Bereits bei vorletzten Mal deutete ich an, wie furchtbar müde mich das Schreiben von Nachrufen macht. Es sind in den letzten Monaten einfach zu viele geworden. Eine Menge Menschen, die mir auf die eine oder andere Weise etwas bedeutet haben, verstarben.

Gestern Abend erwischte es den Schauspieler Götz George. Auch wenn es viel zu greift und ein Stück weit ungerecht ist, jemanden auf eine Rolle zu reduzieren, verbinde ich mit George vor allem seine Rolle als Ermittler Horst Schimanski im Duisburger Tatort. Ein Tatort, der so nah an meiner Heimat Niederrhein dran war, wie es gerade noch möglich war — weiter links von Duisburg gibt es keine größere Stadt mehr.

schissbuchse / Pixabay

Schimanski, das war ein Rauhbein. Er prügelte sich, trank, schrie sich die Seele aus dem Leib fiel und stand doch immer wieder auf. Der Tatort in Duisburg war hässlich, wirkte realistisch. Und die Figur Schimanski war einer von uns. Die 29 Folgen begleiteten mich durch meine Jugend. Vom Ende der Kindheit bis zum Anfang der Oberstufe. Mir gefiel vor allem das Rebellische an Schimanski. Vielleicht wollte ich sogar ein Stück weit so sein wie er. Zumindest aber hatte ich in der neunten und zehnte Klasse eine ähnliche Jacke — ganz bewusst.

Götz George war ein Schauspieler, der Figuren glaubhaft Leben einhauchte. Sein Schimanski war kein Abziehbild wie so mancher neuerer prügelnder Kommissar. George konnte aber noch weitaus mehr als den Schimanski. Seine Rolle als Skandalreporter Hermann Willié in Schtonk!, ein Film der den Fund und die Veröffentlichung der angeblichen Hitler-Tagebücher thematisiert, war genau so großartig wie seine Leistung in „Der Totmacher“. So wie er den Massenmörder Fritz Haarmann spielt, geht der Film richtig unter die Haut.

Langsam gehen uns hier unten die Guten aus. Sei es Schauspieler, Politiker, Musiker, Schriftsteller und Menschen, die wir um uns herum schätzten. Es wird leerer, kälter und belangloser.

Götz George ist verstorben. Gedenken wir seiner mit Schimanskis Lieblingswort: „Scheiße!“

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren