Eingeständnis einer Schwäche

Eingeständnis einer Schwäche

Seit Anfang des Jahres sind einige Prominente, Autoren und Politik gestorben. Hier im Blog gab es in einigen Fällen einen Nachruf dazu. Immer aus einer, zugegeben, distanzierten Sicht. Tod und Sterben sind etwas, mit dem ich mich nur sehr ungern beschäftige. Mit Sicherheit eine Schwäche von mir, die auf einer tiefsitzenden Angst vor der eigenen Sterblichkeit beruht. Das ist bei mir kein allgemeines Gefühl, sondern etwas, was sich regelmäßig nachts in ziemlichen Panikanfällen manifestiert.

Hinzu kommt bei mir etwas, was auf Außenstehend wirken könnte, als ob ich unfähig zur Anteilnahme und Trauer wäre. Übliche Beileidsbekundungen sind nicht mein Ding, besonders dann, wenn es ins floskelhafte abgleitet. Meistens macht mich der Tod eines Menschen sprachlos — nicht bildlich, sondern tatsächlich. Das ist weder für mich noch für die Angehörigen des Verstorbenen einfach.

Loewenstark / Pixabay

Normalerweise gäbe es die beiden bisherigen Absätzen genau so wenig wie diesen Text überhaupt. Mit zunehmenden Alter ist es aber leider so, dass auch die Wahrscheinlichkeit zunimmt, dass Menschen aus der eigenen Familie sterben. Nicht durch Unfälle, sondern an Altersschwäche oder nach langer Krankheit. Letzteres war bei meinem Patenonkel gestern der Fall. Krebs ist ein verdammtes Arschloch.

Es heisst, der Tod sei der eine, große Gleichmacher. Auf eine bestimmte Weise trifft das zu, aber vorher sind Umständen und Zeitpunkt des Todes alles andere als gleich. Gerechtigkeit gibt es im Zusammenhang mit dem Sterben nicht. Wenn jemand mit 69 Jahren stirbt, ist das für meine Begriffe ungerecht weil viel zu früh. Nur vier Jahre von dem Leben in Rente etwas zu haben — bei so was kann ich nur mit dem Kopf schütteln.

Der Tod meines Onkels macht mich traurig, ja. Diese Trauer auszudrücken ist jedoch mein Problem, meine Schwäche. Mir geht sein Tod nah, sehr nah sogar, aber ich kann es anderen gegenüber nicht zeigen.

Das letzte Telefonat mit meinem Onkel liegt schon länger zurück. Es war meine Frau, die danach noch mit ihm gesprochen hatte, weil mir selber die Kraft dazu fehlte. Ich kann so was nicht. Ich kann nicht von belanglosen Dingen erzählen, wenn jemand anderes dem Tod ins Auge blickt. Trost spenden kann ich auch nicht, weil ich selber untröstlich bin. Am schlimmsten in diesem Fall für mich war jedoch die bittere Erkenntnis, einfach nicht helfen zu können. Die Unabänderlichkeit von einem Ereignis, egal was man unternehmen wird. So was lähmt mich zusätzlich.

Zuletzt gesehen habe ich meine Onkel bevor er krank wurde. Weder sah ich, wie er abmagerte noch traf ich ihn, als er bedingt durch die Chemotherapie seine Haare verlor. Mein Bild von ihm ist so, wie ich ihn in Erinnerung haben möchte. Dieses Bild werde ich in meinem Herzen bewahren, genau wie die Erinnerung an ihn. In den Erinnerungen der anderen lebt ein Mensch weiter, sagt man. Das hoffe ich.

Am kommenden Montag ist die Beisetzung. Die Trauer der anderen wird mir wehtun, die meiner Tante aber wir mir vermutlich das Herz brechen. Nicht testen können, obwohl es nichts auf der Welt gibt, was man lieber täte — gestern war kein schöner Tag und der kommenden Montag wird es auch nicht werden.

3 Replies to “Eingeständnis einer Schwäche”

  1. Mein Beileid.

    Mir geht es ähnlich – ich neige in solchen Situationen auch zur Einsilbigkeit, kann mir aber ab und an doch noch selbst den nötigen Arschtritt verpassen.

    Als ich letztens einen alten Freund besucht habe, der mittlerweile mit einem Hirntumor kämpft und sichtbar gezeichnet im Rollstuhl sitzt, musste ich mich auch hin zwingen und am Riemen reißen, um nicht den voreiligen Trauerkloß zu geben. Das war ich ihm schuldig. Er sollte nen schönen Nachmittag haben.

  2. Ich hab vor einigen Jahren die damals für mich wichtigste Person an Krebs verloren. Die zahlreichen Beleidsbekundigungen anderer empfand ich als sehr erdrückend, weil ich mich lieber in der eigenen Sprachlosigkeit vergraben wollte. Das ging nicht und das hat einen großen Knacks hinterlassen. Ich hoffe, dass du die Beisetzung gut überstehst und bald mit einem Lächeln an deinen Onkel zurückdenken kannst.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren