Ein erster Schultag

Ein erster Schultag

Während meine Kollegen und ich im glücklicherweise kühlen Büro sitzen, laufen draußen Kinder mit nagelneuen Tornistern in Zweierreihen vorbei. Dahinter Eltern, die für ihre Sprösslinge die Schultüten tragen. Der erste Schultag — mal wieder, wie jedes Jahr am zweiten Tag nach den Sommerferien.

Wie jedes Jahr umfängt mich eine gewisse Sehnsucht. Nicht weil mangels eigener Kinder ich die Einschulung nie aus Elternperspektive erlebte, sondern weil ich mich noch an ganz anderer Stelle anders entschieden habe. Im Spätsommer wird mir jedes Jahr verdeutlicht, was ich verpasst habe. Eine Klasse von etwa 25 Kindern vor sich zu haben, frisch gebackene Schülerinnen und Schüler, die ihren Lehrer mit erwartungsvollen Augen neugierig anblicken.

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Auch wenn ich mich gerne über lange Sommerferien freuen würde, noch schöner wäre es, jedes Jahr aufs neue mit zu erleben, wie Kinder ihr ersten Schritte in der Schulwelt machen, wie aus Analphabeten Menschen werden, die lesen können. Und vielleicht auch gerne Bücher lesen. Anderen das Lesen beizubringen, ein Stück weit mit daran beteiligt zu sein, wie Schülerinnen und Schüler sich aufmachen in das Abenteuer Buch — es gibt nicht wirklich so viele Dinge auf der Welt, die ähnlich faszinierend sind.

Leider weiss aber auch um die Tränen. Um die Tränen, wenn es heisst Abschied zu nehmen von den Eltern, die nicht mit ins Klassenzimmer rein kommen dürfen. Um die Tränen, wenn man das, was man lernen soll, nicht so gelingt, wie es von einem erwartet wird. Und um die Tränen, wenn man mit der ersten schlechten Note nach Hause kommt.

Schule verändert Kinder, aber nicht immer nur zum Positiven. Eingruppiert, bewertet und für zu unreif befunden. Als Lehrer trägt man die Verantwortung am gelingen des Unterrichtes. Diesem Ziel werden mitunter die Eigeninteressen von Schülerinnen und Schülern geopfert.

„Sie müssen lernen sich anzupassen.“ Das kann man gut finden, oder auch nicht. Der Stundenplan, den die Erstklässler heute bekommen, ist der erste Eindruck von einem getakteten Leben, was mit dem heutigen Tag beginnt. Die Schultüte, gefüllt mit Naschkram, soll ihnen dabei den bitteren Weg versüßen.

Am heutigen Tag erinnere ich mich besonders auch daran, warum mich ich letztendlich gegen des Schuldienst entschieden habe. Schule, so wie sie nach wie vor konzipiert ist, wird den Kindern und ihren Bedürfnissen nicht gerecht. Ich will und wollte nicht Teil eines Systems seins, welches jungen Menschen ihre Freude beraubt. Richtig deutlich wurde mir das im Studium selber, als ich das Glück hatte, anderen Form des Unterrichtens kennen zu lernen. So denke ich dann jedes Jahr, wenn ich Kinder auf dem Weg zur Einschulung sehe: wieder ein vertanes Jahr. Wieder ein Jahr, welches Politik und Gesellschaft ungenutzt verstreichen ließen, um Schule grundsätzlich neu zu gestalten.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren