Die Not mit den Noten

Die Not mit den Noten

Vor rund vier Wochen las ich bei Zeit Online einen Artikel, in dem es eine der Fragen geht, die mich seit dem Studium mehr oder verfolgen. Brauchen Grundschüler Noten? Meine Meinung dazu ist recht eindeutig ablehnen in Bezug auf Noten. Nicht nur für die Grundschule, sondern generell im Schulsystem. Gut kann ich mich noch selber daran erinnern, wie demotivierend schlechte Noten auf mich als Schüler gewirkt haben. Sie nahmen mir auch die Freude an dem betreffenden Fach.

Vor ein paar Tagen erzählte mir meine Frau, Lehrerin an einem Kölner Gymnasium, von einem Schüler, den sie in Billige unterrichtet. Sein älterer Bruder ist ein Überflieger, der Liebling der Familie. Der Schüler meiner Frau hat es etwas schwer, sowohl in der eigenen Familie als auch im Unterricht und beim lernen. Als er eine Klausur mit einer schlechten Note zurück bekam, fragte er meine Frau, was sie denn von ihm halte. Aufgrund Grund der Note müsste sie auch über das Fach hinaus ein schlechtes Bild von ihm haben. Wer schlechte Noten hat, ist eben auch ein schlechter Mensch.

Prägend für mich im Lehramtsstudium waren die Veranstaltungen von Eiko Jürgens, der sich mit Notengebung und einem pädagogischen Leistungsbegriff auseinandersetzte. Darüber hinaus lernte ich, dass die schulische Leistung etwas ist, was sich aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt. Sie ist nie allein ein Spiegel der Lernleistung des Schülers, sondern reflektiert auch die Einflüsse Schule, Gesellschaft und ist besonders abhängig vom Lehrer und seinem Unterricht.

Wenn man über Note spricht, sollte man immer auch berücksichtigen, was mit der Note beurteilt wurde. Jede Beurteilung erfolgt immer auf Basis eines Bezugssystems. Dabei wird eher weniger der individuelle Lernfortschritt des Schülers gemessen, sondern die Leistungen werden ins Verhältnis der Lerngruppe (Klasse) gesetzt. Dazu kommt dann noch eine mehr oder minder objektive Norm, ausgedrückt durch die Lernziele des Fachs. Insgesamt, lässt sich festhalten, sind Noten und Notengebung ein komplexes Thema. Und leider sind sie es auch, die das Leben von Menschen beeinflussen, ja sogar massiv zerstören können.

Die Kieler Kultusministerin Waltraud Wende sprach sich Zeit-Artikel für die Abschaffung der Noten in der Grundschule aus. Sehr treffend bringt sie auf den Punkt, was die Hauptaufgabe von Schule ist:

Es ist die Aufgabe der Schule, junge Menschen in die Welt des Wissens einzuführen und ihnen Spaß am Lernen zu vermitteln. Die Schule soll außerdem die sozialen, emotionalen, körperlichen und künstlerischen Potenziale der Kinder fördern.

Quelle: DIE ZEIT Nº 15/2014

Ziffernnoten, so eine ihrer Schlussfolgerungen, sind starr und ermöglichen keinerlei Differenzierung. Sie sorgen für ein Klima der Angst, welches freier Entfaltung im Weg steht. Anders drückten es Berliner Schüler aus: „Du bist nicht Deine Schulnoten.“ – was wiederum zur Frage des Schülers an meine Frau passt.

Die bayerischer Kultusministerin Ludwig Spaenle hielt dagegen. Für sie dienen Noten der Orientierung, Motivation und Anreiz. Man zeige Schüler die Defizite in den entsprechenden Fächern auf. Ehrlich gesagt finde ich es wenig motivierend, wenn man einem Menschen seine Defizite vor Augen führt. Und das auch noch vor allen anderen, denn Noten sind auch etwas, was öffentlich ist. Als Schüler merkt man das insbesondere. Spaenle hebt besonders auf „Leistung“ und „Leistungsanforderungen“ ab. Das ist, mit Verlaub, ein sehr einseitige Sichtweise. Der Mensch sollte nicht über seine Leistungsfähigkeit beurteilt werden. Das Leben darf nicht nur aus Arbeit bestehen, der Wert eines Menschen miss sich nicht daran, welche wirtschaftliche Performance er erbringen kann.

Noten sind aussagefähige Einschätzungen der Leistung junger Menschen zu einer bestimmten Zeit in bestimmten Fächern.

Quelle: DIE ZEIT Nº 15/2014

Noten für eine aussagefähige Einschätzung zu halten, wie es Frau Spaenle macht, ist falsch. Zumindest dann, wenn man sich nicht bewusst macht, worüber die Note eine Aussage trifft. Als Kultusministerin sollte Frau Spaenle auch die Einflüsse auf den Vorgang der Leistungsbeurteilung geläufig sein. So kann es passiveren, dass allein Geschlecht oder Herkunft bereits zu einer schlechteren Note führen – das hat nichts mit dem Potential eines Menschen zu tun.

Im Zusammenhang mit Noten gibt es ein Zitat des Philosophen Richard David Precht. Es bringt auch für mich auf den Punkt, was ich mir vom Bildungssystem erhoffe: „Ich will nicht die Noten abschaffen, sondern Schulen, die keine Noten brauchen“.

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren