Stinkefinger goes public

Wer die Süddeutsche Zeitung und das Magazin am Freitag kennt, der weiss auch um die Reihe „Sagen sie jetzt nichts„. Politiker, Prominente und zum Teil auch ganz unbekannte Personen werden seit Jahren für diesen Teil des Magazins „interviewt“, dürfen aber nichts sagen, sondern nur durch Mimik und Gestik ihrer Antwort Tiefe verleihen. Schon vor einigen Zeit hat sich das Format zumindest für meinen Geschmack totgelaufen. Was am Anfang noch originell ist, nutzt sich durch dauerhafte Wiederholung irgendwann einfach ab.

Insofern kann sich die SZ richtig darüber erfreuen, mit dem Magazin vom vergangen Freitag eine Coup gelandet zu haben. Befragt wurde Peer Steinbrück, der sich, wie ich finde, gelungen in Szene gesetzt hat. Weit über die Süddeutsche Zeitung hinaus sorgte seine Antwort auf die Frage „Pannen-Perr, Problem-leer, Berlusconi – um nette Spitzname müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“ für Wirbel. Steinbrück warf sich in Pose und zeigte den Stinkefinger.

Das soll jetzt besonders schlimm und verwerflich sein. Gleichzeitig hört man, damit habe er sich selbst als Bewerber für das Bundeskanzleramt disqualifiziert. Allerdings lässt sich das auch aus einem anderen Blickwinkel betrachten.

Die grundsätzliche Frage ist doch, was wir als Bürgerinnen und Bürger in diesem Land hören und sehen wollen. eine Kanzlerin, die uns einlullt oder jemanden, der klare Worte findet. Ich für meinen Teil bevorzuge Menschen, die gerade heraus sind. Liebe jemanden, der Kritikern den Stinkefinger zeigt als jemanden, der immer gleich selbstzufrieden lächelt und dabei hinterrücks das Messer trägt, mit dem er den Sozialstaat meuchelt.

Ehrlichkeit sowie Ironie sind zwei Eigenschaften, die mir eher als Qualität den als Belastung erscheinen. Peer Steinbrück hat mit seiner Geste ganz klar gezeigt, wie angriffslustig er ist. Kein entweder oder, keine Merkel im Wind, sondern klare Kante. Es soll Menschen geben, denen so etwas deutlich besser gefällt. Und vielleicht ist das das große Geheimnis der Zeitungen. Gegen eine Merkel, die kein Profil bietet, können sie nicht anschreiben. Aber jemand, der sich in den Wind stellt und Fläche bietet, reizt, ihn niederzuschreiben. Nicht weil es einen Grund gäbe, sondern weil man es kann.

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