Lesen durch schreiben

Es gibt Dinge, hinter den stehe ich aus einem Bauchgefühl heraus. Dann welche an die ich glaube. Oder weil ich von etwas überzeugt bin. Und schließlich noch die Sachen, die ich reinen Herzens deswegen vertreten kann, weil ich etwas weiss. Habe ich noch etwas vergessen? Allerdings. Die Sachen, die ich deshalb befürwortet, weil ich trotz anfänglicher Skepsis etwas über sie erfahren habe und deswegen voll hinter ihnen stehe. Glauben aus Wissen heraus, könnte man auch sagen. Wobei die Überzeugung auch eine Rolle spielt.

Vergangenen Dienstag las ich einen Artikel mit der Überschrift „Streit ums Schreibenlernen“ im Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers. Darin ging es um die Kritik an der reformpädagogischen Methode „Lesen durch Schreiben“ (LdS). Redakteur Jörg Zittlau, so mein Eindruck, verarbeitet darin recherchiertes Material zum Thema. Die bekannte Kritik, dass Schülerinnen und Schüler dadurch beim schreiben katastrophal viele Fehler machen, wurde ebenso wiederholt wie die angebliche Manifestierung
einer permanenten Rechtschreibschwäche. Zitiert wird die an der PH Freiburg lehrende Professorin Christa Röber mit dem Statement, LdS sei „unterlassene Hilfeleistung“.

Von Frau Röber gibt es zum Thema Schriftspracherwerb im Anfangsunterricht auch einen interessanten Aufsatz aus dem Jahr 2000 – so neu ist die Kritik also nicht. Allein die Schreibweise von Kindorientierung in Anführungszeichen darin bringt mich schon auf die Palme. Und das hat Gründe. Im Gegensatz zu Jörg Zittla muss ich nicht recherchieren, sondern kann mich auf das stützen, was ich im Studium gelernt habe. Das Lehramt Primarstufe beinhalte im Studiengang naturgemäß auch eine Auseinandersetzung mit dem Schriftspracherwerb.

Draus, dass ich der Reformpädagogik nahe stehe, mache ich kein Geheimnis. Bei mir beruht das in diesem Fall nicht auf einem Bauchgefühl, sondern aus Erfahrungen und erworbenen Wissen aus Veranstaltungen im Studium, unter anderem auch in der Lernwerkstatt an der Universität Bielefeld.

Wer schreibt, macht Fehler. Das ist einfach so und wird auch nicht von den Befürwortern des LdS bestritten. An dieser Stelle möchte ich nicht sämtliche Argumente, die für den Schriftspracherwerb mittels „Lesen durch Schreiben“ sprechen, aufführen. Wer dagegen ist, lässt sich, so die Erfahrung, auch nicht durch Argumente überzeugen. Die Widerstände gegen den Reformpädagogischen Ansatz sind Legion. Auf zwei Dinge möchte ich lediglich hinweisen.

Sprache dient der Kommunikation. Das menschliche Gehirn ist zu erstaunlichen Dingen in der Lage. Sätze wie den im KSTA abgebildeten

Di Kinda gen in den Tso

können wir mühelos decodieren und verstehen. Lesen durch Schreiben legt wert darauf, dass die Schülerinnen und Schüler sich ausdrücken können, ihre Sprache finden und damit erzählen, in schriftlicher Form. Aus Sicht des Autors mit entsprechendem pädagogischen Hintergrund ist das ein Ansatz, den ich mit ganzem Herzen befürworte.

Ich selber habe damals mit der klassischen Fibel schreiben und lesen gelernt. „Wunderbare Sachen“ hieß meine Fibel. Auf den ersten Seiten hin es um das U und I. „Ii Ui ui“. Man lernt dann so sinniges zu schreiben wie „Ui Uli ui“ – auf dem passenden Bild sieht man Uli, wie er grade durch eine Pfütze läuft. Eine eigene Geschichte braucht man sich bei dieser Art des Schrifterwerbs nicht auszudenken. Wie denn auch, es benötigt Wochen, bis man genügen Wörter beisammen hat, um einen zusammenhängenden, sinnvollen Text lesen zu können.

Mein Eindruck ist nach wie vor der, dass es primär in den ganzen Jahren Schulunterricht, die ich über mich ergehen ließ, nicht darum ging, selber eine Geschichte zu erzählen. Lesen und schreiben war immer an eine Funktion gebunden. Um die Freude an beidem ging es selten. Genau das ist der große Unterschied zu Lesen durch Schreiben. Befürworter der Methode gab es in Bielefeld nicht nur in der Fakultät für Pädagogik, sondern auch in der Linguistik und Literaturwissenschaft. Wie brachte einer meiner Professoren den klassischen Anfangsunterricht so schön auf den Punkt: „Lesen gelernt trotz Schule“.

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