Die Vorteile eindimensionaler Figuren

Vermeide eindimensionale Figuren, angehender Autor! Es gib kaum eine Sache, die so nachhaltig von Schreibseminaren hängen bleibt. Die gleiche Empfehlung findet sich in zahlreichen Schreibratgebern. Vielschichtig sollen die Figuren sein, denn nur so wären sie glaubwürdig.

Eindimensionale Figuren wirken schnell wir „Pappkameraden“. Die Figur handelt berechenbar, ihre Skizze entspricht meist einem Klischee oder einer bestimmten Eigenschaft. Akzeptabel sind eindimensionale Figuren allenfalls dann, wenn sie nur eine absolute Nebenrolle spielen. Als wichtige Hauptfiguren sollten sie keinesfalls verwendet werden. Dennoch stolpert man immer wieder über sie.

Ein gutes Beispiel sind Märchen. Dort wird die Figur zusätzlich noch mit einem überflüssigen Adjektiv charakterisiert. Die böse Hexe. Natürlich ist jede Hexe im Märchen böse. Zumindest ist das die Grundannahme. Genauso wie die Stiefmutter. Das müsste eigentlich nicht extra betont werden. Zudem ist beispielsweise die Hexe in „Hänsel und Gretel“ alles andere als eine Nebenfigur. Dennoch bleibt sie eindimensional, erfüllt nur einen Zweck: böse sein. Recht konsequent ist dann auch das, was mit der Hexe passiert. Sie wird von den beiden Kindern in ihren eigenen Ofen geschoben.

Eindimensionale Figuren lassen sich als Instant-Charaktere durch Nennung von Adjektiven aus den Erinnerungen des Lesers heraufbeschwören. Der einbeinige Kapitän. Wer einigermaßen belesen ist, denkt sofort an „Moby Dick“ und Kapitän Ahab. Mit diesem sind dann eine ganze Reihe weiter Charaktereigenschaften verbunden, die mitschwingen. Allerdings kann man sich als Autor nicht darauf verlassen, dass so was funktioniert. Selbst wenn man Moby Dick kennt, kann bei „einbeiniger Kapitän“ im Kopf des Lesers ein anderes Bild entstehen. Und wer den Roman von Herman Melville weder gelesen noch eine der Verfilmungen gesehen hat, dem fehlt möglicherweise die Assoziation vollständig.

Die Vorhersehbarkeit der Handlungsweise eindimensionaler Figuren entwickelt sich nur dann zu einem Vorteil, wenn sie der Wiedererkennbarkeit dient, beziehungsweise sich anhand einer auftauchen Figur an den Plot der Geschichte erinnert. Mir ging es gestern so beim sehen von „Jurassic Park“ (falls jemand der Meinung ist, der Film von 1993 sei ein alter Hut: 2015 kommt der vierter Teil in die Kinos).

Relativ am Anfang taucht Dennis Nedry auf, der Chef-Programmierer des Parks. Er traf sich beim Essen mit einem Mitarbeiter einer Konkurrenzfirma. Den Film habe ich genau ein Mal, damals in englisch gesehen. Sofort wurde mir wieder klar, wie die gesamte weitere Handlung verläuft. Selbstverständlich wird der unzufriedenen Dennis das Sicherheitssystem außer Kraft setzen, um sich einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Er ist dick und braucht das Geld. Wofür, erfährt man selbstverständlich nicht, denn der arme Dennis ist eine eindimensionale Figur.

Damals fand ich den Film schon ausgesprochen schlecht (fragt nicht, warum ich ihn mir wieder angesehen habe). Ursache dafür ist die absolute Vorhersehbarkeit der Handlung. Besondere Ironie bekommt das durch die Figur des Dr. Ian Malcolm, der als sich als Chaostheoretiker durch die Handlung schwafelt.

Zurück aber zu den Dennis. Sein Handeln ist der „kleine“ Funken, welche als Beginn einer Kette von Ereignissen in die Katastrophe führt. Er ist daher meiner Meinung nach keine unwichtige Figur. Trotzdem erfährt man so gut wie nichts über ihn. Der dicke Dennis. Träge, selbstsüchtig, so was wird einem als Assoziationen aufgedrängt, weil sich Dennis so verhält. Besonders Vorteilhaft ist das weder für die Figur selber noch für die Handlung. Ihr geht erhebliches an Tiefe und Vielschichtigkeit verloren.

Plot mit Figuren wie Dennis sind wie Fast Food. Sie machen unter Umständen satt. Mehr aber auch nicht. Ihnen fehlt die Substanz zum glücklich machen.

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