TV Duell 2013 im Rückspiegel

Den Löwen zum Fraß. Das war der Eindruck nach den ersten Minuten vom TV-Duell. Zwei Menschen, vor einer wichtigen Karriereentscheidung, 90 Minuten stehend und den Fragen von vier Moderatoren ausgesetzt. Vier Moderatoren, die sich gegenseitig am liebsten die Butter vom Brot genommen hätten. Das größte Problem am TV-Duell war das Format selber. Der gesamte Verlauf zeigte, wie wenig es taugt, um in Ruhe Standpunkte darzulegen. Sowohl Angela Merkel als auch ihren Herausforderer Peer Steinbrück im Ringen um das Bundeskanzleramt kann man dafür gratulieren, dass sie sich nicht haben gegeneinander aufhetzen lassen. Wenn Pöbeln die neue Form des Fernsehjournalismus ist, kann man getrost darauf verzichten.

Bei der Rolle, die Stefan Raab im Quartett der Moderatoren einnahm, schwankt der Eindruck zwischen erfrischender Unverschämtheit, Angriffslust und tatsächlicher Fehlbesetzung. Zumindest sorgte er für etwas Wind. Vier Moderatoren waren jedoch genau drei zu viel. Die einzige Berechtigung mag wohl die gleichzeitige Übertragung des TV-Duells auf vier Sendern gewesen sein, was die Reichweite auf 15 Millionen Zuschauer gebracht haben. Wenn dem so ist, dürfte auf jedem Fall ein Gewinner des gestrigen Abends feststehen: die Demokratie.

Peer Steinbrück hatte als Herausforderer einen schlechten Stand, sang man doch genussvoll immer wieder das Lied von den schlechten Chancen. Im Grund war wohl nicht nur Stefan Raab davon überzeugt, Steinbrück habe bereits die Wahl verloren – auch wenn diese erst in drei Wochen stattfindet wird. Entscheiden wird durch die Wählerinnen und Wähler, nicht durch TV-Moderatoren. Ein Format, bei dem beide Bewerber in Ruhe miteinander und über ihre unterschiedlichen Konzepte reden, fein gelenkt durch einen Moderator, wäre sicher inhaltlich ergiebiger gewesen als ein Schnelldurchlauf durch ein Potpourri, die naturgemäß nur angerissen werden konnte. Komplexe Sachverhalten haben keine einfache Lösung, dass sollten Journalisten eigentlich wissen.

Inmitten des sterilen Bühnenbildes gab es einen wirklichen Farbtupfer. Die Deutschlandkette der Bundeskanzlerin. Mittlerweile mit eigenem Twitter-Account. Das Angela Merkel einen eigenwilligen Stil hat in Bezug auf ihre Bekleidung, ist bereits bekannt. Vermutlich ist die Kette auch selbst gekauft. Dennoch, hier mal jemanden zu fragen, der etwas von Mode versteht, wäre mit Sicherheit nicht falsch gewesen. Der aufdringliche Patriotismus, noch unterstrichen durch die häufige Betonung von „wir“, nervte.

Aber zu den Themen an sich, die angeschnitten wurden. Vieles Standpunkte klangen auswendig gelernt, auf beiden Seiten. Da lief nur ein abgespultes Programm, eine richtige Diskussion zwischen Merkel und Steinbrück fehlte. Zum ersten Mal richtig spannend wurde es beim Thema PKW-Maut. Steinbrück gelang es, Angela Merkel so weit in die Enge zu treiben, dass sie diese kategorisch ausschloss. Horst Seehofer in Bayern, immerhin mit seiner CSU wichtiger Koalitionspartner und vehementer Befürworter genau dieser PKW-Maut, wird das sicher nicht gefreut haben.

Hängen geblieben sind in den 90 Minuten bei den Zuschauern mit Sicherheit sehr unterschiedliche Themen. Alles konnten sich vermutlich nur die wenigsten merken. Und die meisten werden darauf gebaut haben, es am nächsten Tag noch mal in Ruhe nachlesen zu können. Wobei das wieder den Kreis schließt und zur Frage führt, wie sinnvoll das TV-Duell in dem gewählten Format eigentlich ist. Drei Bereiche sind insbesondere auch für die jüngeren Generationen besonders interessant: Krankenversicherung, Mindestlohn und Datenschutz.

Mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin wird es für gesetzlich Krankenversicherte in Deutschland jedenfalls keine Verbesserung geben. Im Gegenteil. Wenn der nächste Gesundheitsminister wieder Daniel Bahr heißen wird, könnte das den Ausstieg aus der Solidargemeinschaft bedeutet. Wie sich so was auf die Krankenversicherung auswirkt, lässt sich gut am Beispiel USA beobachten. Gesundheit verkommt so zum Luxusgut für die Menschen, die es sich noch leisten können.

Beim Mindestlohn setzt Angela Merkel, ganz anders als Steinbrück, ganz auf Mindestlöhnen in den einzelnen Branchen. Ein Konzept, dass bisher schon beweisen hat, wie wenig es funktioniert. Dagegen ist ein flächendeckender Mindestlohn von 8,50 Euro ein klare Ansage. Lohnuntergrenzen sind kein Ersatz für Mindestlöhne und führen nur zu eine versteckten Arbeitgebersubenvtion, wenn Arbeitnehmer, weil ihr Lohn nicht zum leben ausreicht, mittels staatlicher Hilfe aufstocken müssen.

In Bezug auf das Ausspähen von Daten deutsche Staatsbürger äußerte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel doppeldeutig. „Der NSA hat uns Auskunft gegeben.“ Sie beharrte zudem darauf, dass auf deutschem Boden selbstverständlich deutsches Recht gelegen würde und bewies damit eine erschreckende Unkenntnis von der Materie. Steinbrück dagegen konnte die Zusammenhänge gut darstellen. Ihm ist klar, wie Datenkommunikation im Internet funktioniert und das selbst eine E-Mail von einem deutschen Account an eine anderen deutschen Account über Umwege geht, die einen Eingriff in die Kommunikation möglich machen.

Viele Genossen in der SPD, die ihre Angst vor einer großen Koalition mit sich tragen, dürfte die Aussage von Peer Steinbrück gut getan haben, dass er für eine große Koalition nicht zur Verfügung steht. Sekt oder Selters lautet sein Motto. Und in seiner Entscheidung ließ er sich auch von Raab abbringen, der ihn zum „King of Kotelett“ ausrief.

Das letzte Wort im TV-Duell hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel, die bei den Zuschauern für einen kalten Schauder gesorgt haben dürfte mit ihrem Ausspruch „Sie kennen mich„.

Natürlich erklärten am Ende des TV-Duells die jeweiligen Anhänger ihren Favoriten zum Sieger. Je nach dem, wo man die Aufarbeitung weite verfolgte, schlug das Pendel mal in die eine oder andere Richtung. Knapper Sieg für Steinbrück, möglicherweise. Leider aber blieb Steinbrück weit unter seinen Möglichkeiten.

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