Armut vor der Tür.

Gestern, Hommeoffice. Eine kurze Pause, mit einer Tasse Espresso auf dem Balkon, die August-Sonne im Gesicht und ein Cantuccini im Mund. Durchatmen. Auf dem Weg vor dem Haus in der autofreien Siedlung, eine Frau mit Kinderwagen.

tonne-gelbEin Haus vorher hält sie an und geht zu den Mülltonnen. Nichts ungewöhnliches. Häufiger schmeissen Mütter noch eine Windel weg und bringen den Hausmüll zum Container, bevor sie mit ihrem Kind einkaufen gehen. Kurze Zeit später schiebt die junge Frau den Kinderwagen weiter, hätte vor unserem Haus. Es ist niemand, der bei uns wohnt. Sie geht auch nicht zur Klingel, sondern verschwindet in dem Holzverschlag, wo die Mülleimer untergebracht sind.

Trotz Sonne wir mir mit einem Mal richtig kalt. Die Frau durchwühlt die Tonnen auf der Suche etwas, was sie gebrauchen kann. Ich stehe auf dem Balkon einer teuren Wohnung und schaue jemanden zu, der sich so demütigen muss, um über die Runden zu kommen. Manchmal ist das Elende näher als man denkt. Um die Frau nicht zu beschämen, wende ich mich ab. Sie soll nicht den Eindruck bekommen, ich würde sie auch noch überwachen oder gar verjagen wollen.

Die Szene ging mehrere Stunden lang nicht aus dem Kopf. Und auch jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, ist die Frau noch sehr präsent. Ein Gesellschaft, in der es Menschen gibt, die so was machen müssen, ist letzten Endes arm. Vor allem auch arm an Mitgefühl. Und in dieser Hinsicht bin ich wohl keine Ausnahme. Ob meine Reaktion richtig war, weiss ich nicht. Vielleicht hätte ich noch mehr machen sollen. Oder aber wäre es genau falsch gewesen? Ich weiß es nicht. Aber die Szene berührt mich, lässt mich genauso hilflos zurück, wie die Frau vermutlich ist.

Man kann nicht alle Probleme dieser Welt lösen. Dennoch möchte man, nein möchte ich, ein Stück helfen, wo ich kann. Sich abwenden ist keine Form von Hilfe. Zurück bleibt die Ratlosigkeit.

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