Zum Tod von Lothar Bisky

Selten hat mich ein Nachruf so berührt wie der zu dem am Dienstag verstorbenen Lothar Bisky in der heutigen Ausgabe de Kölner Stadt-Anzeigers. Weniger die Worte waren es, sondern die Biographie von Bisky, die in mir etwas anstieß. Seine politischen Ansichten sind nicht die meinen, dennoch gab es in der Vergangenheit einen Berührungspunkt. Genauer gesagt bin ich Lothar Bisky einmal persönlich begegnet.

Anfang der 90er Jahre fand in der damaligen Evangelischen Akademie Mülheim eine Tagung zum Thema „Sozialismus am Ende?“ statt. Erst durch den Nachruf im KSTA fiel mir das wieder ein. Auch die Begleitmusik von damals. Vor dem Gelände der Akademie hatte sich ein kleines Häufchen verbitterter Menschen eingefunden, die gegen die Veranstaltung protestiert. Ihrer Meinung nach wies diese das falsche Satzzeichen auf. Kein Fragezeichen, sondern ein Ausrufezeichen, darauf bestanden sie. Der Fall der Mauer und der Untergang der DDR war noch nicht lange her, die Wunden entsprechend frisch.

Dabei hatte es im Westen immer wieder Menschen gegeben, die sich mit dem „System“ nicht abfinden wollten. Die auf die eine oder anderen Art unzufrieden waren, sich einen bessern Start erträumten. „Geh doch nach drüben“ haute man ihnen als Spruch um die Ohren, um die vermeintlichen Querulanten ruhig zu stellen.

Lothar Bisky war jemand, wie ich jetzt erst las, der ernst machte. Der 1958 der damaligen Bundesrepublik den Rücken kehrte und „rüber machte“. Ende der 80er Jahre, ein oder zwei Jahre vor dem Fall der Mauer, gab es bei mir eine Phase, wo ich für einen kurzen Moment überlegte, auch in die DDR zu gehen. Gut, ich war noch nicht volljährig, insgesamt vielleicht gerade überfordert und trotzig, aber ich hatte eben diese Überlegung. Ich blieb. Und sah, wie die DDR zusammenbrach, damit auch dann eine Alternative, über die ich damals ziemlich wenig wusste. Auf der einen Seite gab es das, was man uns versuchte einzureden, auf der anderen die Erfahrungen, wenn mal selbst mal dort als Tourist war. Immer noch verbinde ich den Geruch von Braunkohle damit. Wie es wirklich war, wusste von uns jungen Menschen die wenigsten. Vieles kam erst an die Oberfläche, als Deutschland 16 Bundesländer umfasste.

Die die Vereinigung die bester aller Optionen war, darüber lässt sich trefflich streiten. Fakt ist hingegen, dass mit einem Mal eine Alternative verloren ging und die Biographie sämtlicher ehemaligen Bürger der DDR vor einer ganz anderen Mauer endeten. Ein Zäsur. Quasi über Nacht galt das, was vorher bestimmend war, nicht mehr. Für jemanden wie Lothar Bisky musste das eine schmerzlichen Erfahrung gewesen sein. Vor dem Hintergrund lässt auch nachvollziehen, warum Anfang der 90er eine aktive politische Rolle in der PDS, der späteren Linkspartei, übernahm. Aus seiner Sicht, so vermute ich, war nicht alles in der DDR schlecht gewesen.

Aus diesem Grund hatte ihn die Evangelischen Akademie Mülheim für die Tagung wohl auch als Referenten eingeladen. Hängen geblieben ist mir noch seine Vision vom so genannten „Dritten Weg“. Eine Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus, für die er sich auf der Tagung stark machte. Wir, die jüngeren, hielten das für etwas, was man durchdenken statt ablehnen sollte, wie es einige der älteren Teilnehmer taten.

Erlebt habe ich damals Lothar Bisky als ruhigen Menschen, der nicht poltert oder laut wird, sondern versucht zu vermitteln. Auch dann noch, wenn ihm verbitterter Hass entgegenschlägt. Allein dafür muss man ihm bereits Respekt zollen, denn diese Fähigkeit hat wirklich nicht jeder von uns.

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