Ein Leben als Alien

Den Blog von Kai Schächtele, „Radfahren macht glücklich“ kannte ich bisher noch nicht (Danke an Wibke für den Link via facebook). Der aktuelle Eintrag von Kai, „Warum man als Fahrradfreak gilt, wenn man nicht gern im Stau steht“ fasst einiges von dem zusammen, was ich auch in den letzten Jahren festgestellt habe. Wenn man seit über 20 Jahren autofrei lebt, versucht man streckenweise zu vergessen, wie fremdartig man in den Augen andere Menschen eigentlich ist.

Ganz viele Menschen (zum Glück aber nicht alle), mit denen ich in den letzten Jahren Kontakt hatte, schauten mich immer verwundert an, wenn erzählte kein Auto zu besitzen. Zwar habe ich einen Führerschein, aber das ist auch schon alles. Meine Frau hat nicht mal den und trotzdem kommen wir im Alltag gut zurecht. Für andere Menschen ist man jedoch so eine Art Alien. Autofrei leben können sie sich nicht vorstellen. Dabei geht es erstaunlich gut.Vielleicht ist ein entscheidender Vorteil, nicht auf dem Land zu leben, sondern in einer Großstadt. Wobei, so meine Erfahrungen, die Größe nicht wirklich entscheidend zu sein scheint. In Bielefeld war der Verzicht auf ein Auto genauso unkompliziert wie er in Köln ist.

In Gesprächen, wenn man davon berichtet, wie es sich ohne Auto lebt, hört man eine Menge Gegenargumente – die sich bei näherer Betrachtung als Ausreden herausstellen. Sicher kann man bei einem Einkauf nicht den ganzen Kofferraum mit Lebensmitteln vollladen. Dafür schmeißt man am Ende der Woche auch erheblich weniger weg. Wasserkästen schleppen wir auch nicht mühsam nach Hause, denn unser Trinkwasser kommt aus der Leitung. Und wer das nicht mag, kann gegen einen geringen Aufpreis einen der vielen Lieferdienste bemühen.

Ein Auto benötigt man selbst dann nicht, wenn man sich bei IKEA neue Möbel aussucht. Für das, was man da als einmalige Anlieferungspauschale bezahlt, kann man selber kein Auto unterhalten. Flexibel und unabhängig macht ein Auto schon mal gar nicht. Besonders dann nicht, wenn man einen Parkplatz suchen muss, für den man dann für jede angefangen 20-Minuten-Block 1 Euro bezahlt.

Mich persönlich stresst Autofahren im höchsten Maße. Mir reicht es schon, wenn ich der Aggressivität anderer Autofahrer als Fahrradfahrer oder Fußgänger ausgesetzt bin. Sicher gibt es auch Momente, bei denen man sich wünscht, schneller und bequemer an sein Ziel zu kommen. Nur ist es meistens nicht wirklich schneller, sondern nur eine Illusion. Allerdings, was ich nicht bestreiten kann, sind Problem bei bestimmten Zielen, die außerhalb des ÖPNV liegen. Bewusst geworden ist mir das bei der Planung von Wanderungen in der Eifel. Einige Touren sind nicht möglich, weil man dort nicht mit Bus und Bahn hin kommt. Aber auch dafür werde ich mit Sicherheit eine Lösung finden, ohne mir selber ein Auto anschaffen zu müssen.

Ein Gegenargument kann ich mittlerweile wirklich nicht mehr hören. Autofrei, schön und gut, aber ihr habt ja auch keine Kinder. Klar, das macht es etwas einfacher. Niemand, den man irgendwo hin bringen muss. Weder zur Schule noch zum Arzt. Seit dem ich in der autofreien Siedlung lebe, habe ich Menschen kennen gelernt, die auch mit zwei kleinen Kindern durchaus ohne Auto zurecht kommen. Man muss nur wollen. Und vielleicht stellt sich gerade mit Kindern die Frage, was für eine Umwelt man denen hinterlassen möchte.

Vielleicht wiederhole ich mich an dieser Stelle bereits, aber ich bin der Überzeugung, dass das Auto keine Zukunft hat, haben darf. Jedenfalls nicht als Fahrzeug für jeden. Dabei muss man klar differenzieren zwischen ländlichen und städtischen Bereichen. Gleichzeitig müssen zusätzlich zum ÖPNV und dem Fahrrad andere Optionen wie Car-Sharing zu Verfügung stehen.

Wenn man eine Stadt wie Köln ansieht, dann kann deren Option nur lauten, langfristig zu einer autofreien Stadt zu werden. Viele Verkehrsprobleme die Köln hat, sind Ergebnis des Individualverkehrs. Zudem sollte sich eine Stadt nach den Menschen orientieren und nicht nach den Bedürfnissen von Autos.

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