Mondbier

Auf weite Strecken roch der nasse Beton nach den Resten des gestrigen Abends. Die Beschwerden der Nachbar hörten erst auf als der letzte Besucher ging und die Stille alleine in der Wohnung zurück blieb.

Wie einfach wäre es, alles fein säuberlich in den entsprechenden Tonnen zu trennen. Mit zittrigen Händen fehlte es ihm aber an der dazu erforderlichen Sorgfalt. Die Sonne knallte unbarmherzig durch die Fensterscheibe des Wohnzimmers. Bereits im Umzugskarton verpackt nützen die Vorhänge wenig. Er schloss die Tür zum Balkon, zumindest das konnte er tun. Auch wenn die Luft stickiger wurde, hielt es den Gestank doch draußen. Um den braun werdenden Fleck auf dem Parkett müsste sich der Nachmieter kümmern.

Selbstverständlich traf ihn ein erheblicher Teil der Schuld. Ein sorgfältiges Studium der Packungsbeilage und die Sache mit der falschen Dosierung wäre nicht passiert. Hätte, wäre – alles Vergangenheit, das zurückblickenden Lamentieren half ihm nicht weiter. Wütend trat er gegen den Körper.

„Du Arsch hast auf den Balkon gekotzt!“

Der Tote schwieg. Was anderes konnte man von ihm auch nicht mehr erwarten. Für ihn gab es kein gedankliches durchspielen möglicher alternativer Versionen des gestrigen Abends. Dabei war es ausgerechnet sein Irrtum, der ihn in diese Lage gebracht hatte. Eine fast leere Wohnung ausrauben, auf so was kommen nur Menschen, die entweder sehr dumm oder ebenso verzweifelt sind. Menschen, die auch nicht stutzig werden, wenn sie den Bewohner der Wohnung antreffen, der ihnen dann mit einer übertrieben freundlichen Geste etwas zu trinken anbietet. Gäbe es eine Schule für Einbrecher, würde man dort in einer der ersten Stunden lernen, in fremden Wohnung weder zu essen noch zu trinken. Allein schon wegen der möglichen DNA-Spuren.

Was den Toten in der Wohnung anging, musste er sich nicht mehr mit solchen Fragen auseinander setzen. Seine Probleme existierten nicht mehr, was wohl einer der selten positiven Begleitumständen seines Zustands war. Dafür hatte die andere Person im Wohnzimmer jetzt ein um so größeres Problem. Im Schlafzimmer stieß er auf den Kleiderkarton. Groß genug, um darin auch Anzüge und Mäntel knitterfrei zu transportieren. In einen der blauen Säcke stopfte er alles rein, was er noch vor weniger als einem Tag ordentlich im Karton aufgehängt hatte. Den leeren Karton zog er ins Wohnzimmer und füllte ihm mit dem leblosen Körper. Jedenfalls versuchte er es. Die Leichenstarre erschwerte sein Vorhaben erheblich.

„Dann auf die harte Tour mein Freund.“

Im Flur stand der Karton mit Küchenutensilien. Es dauerte etwas, bis er den Fleischklopfer gefunden hatte. Bis zum Eintreffen des Möbelwagen blieb genügend Zeit.

Die muskulösen Männer, die an der Tür klingelten, ließen ihren professionellen Blick durch die Wohnung schweifen, bevor sie sich mit Rollbrettern dran machten, die Kartons und Kisten zum Möbelwagen zu transportieren. Über die Schwere des Kleiderkartons beklagte sich keiner. Nur über die leere Flasche Mondbier wunderte sich einer der Möbelpacker.

„Und, wie schmeckt das Zeug?“

„Zum kotzen.“

Das es an einer weiteren Zutat lag, verschweige er ebenso wie den Umstand, dass er selber davon keinen Schluck getrunken hatte. Mit der Schulter zuckend zog er gegen Mittag die Wohnungstür von außen ins Schloss.

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