Die Stille des Debütanten vor dem letzten Satz

Die meisten Menschen kennen die Frage nach dem, was zuerst da war, Huhn oder Ei. Einige andere beschäftigt aber noch etwas ganz anderes. Ab wann ist man Autor? Während Biologen auf die Sache mit dem Huhn eine einfache Antwort haben, sieht es bei der anderen Frage mit einer Antwort wesentlich schwerer aus.

Autor ist man dann, wenn man ernsthaft damit begonnen hat, Texte zu schreiben, sich eine professionelle Haltung zur Materie angeeignet haben. Dazu gehört die Einsicht, dass Schreiben und die Arbeit am Text nichts ist, was man sporadisch machen sollte. Das wäre eine mögliche Definition.

Nach einer anderen ist man erst dann Autor, wenn das erste eigene Werk bei einem „ordentlichen“ Verlag untergebracht, lektoriert wurde und fertig gedruckt zum Verkauf in den Regalen der Buchhändler liegt. Dazwischen gibt es noch die Ansicht, Autor sei der, welcher den letzten Satz in seinem ersten Romanmanuskript geschrieben habe.

Wenn man selber schreibt mit dem festen Willen, dass dies auch mal veröffentlicht wird, hilft einem das gerade an schlechten Tagen nicht besonders weiter. Wie die schlechten Tage aussehen, ist dabei von Person zu Person unterschiedlich. Die einen haben sich irgendwo im Plot verstrickt, während die anderen unter einem Berg von Recherche zu ersticken drohen. Und dann ist da noch die Sache mit der Überarbeitung.

Die allermeisten Texte werden mehrfach überarbeitet, bevor sie gedruckt erscheinen. Auch wenn sich manchmal ein anderer Eindruck einschleicht. Wir erinnern uns an den Deutschunterricht, wo man nur etwas Genies erfuhr. Oder an das Lesen wirklich schlechter Bücher, bei dem anscheinend nicht mal die ordnende Hand eines Lektors eingegriffen hat.

In Überarbeiten steckt Arbeit. Spätestens wenn man als Schreibender (ein schöner Begriff, der die Festlegung vermeidet) mitten drin steckt, merkt man das in aller Deutlichkeit. Je tiefer man dabei in den eigenen Text eintaucht, desto größer wird die Gefahr, sich darin vollends zu verlieren. War man noch zu Beginn redselige in Bezug auf das eigene Werk, nimmt die Stille zu, je länger man an der Überarbeitung sitzt. Fast so, als habe man unter Wasser die Orientierung verloren und fände nicht mehr zurück an die Oberfläche. Immer weiter sinkt man hinunter, da wo das Meer stiller und dunkler wird.

Man wird extrem dünnhäutig dabei. Ja, sogar durchsichtig, denn man kommt wieder zum Anfang, zu Frage zurück. Es festigt sich die Überzeugung, noch kein Autor zu sein, noch nicht dazu zu gehören. Ein freiwilliges fremdeln bei den einen, vorlautes Prahlen bei den anderen, je nach persönlicher Neigung. Alleine vor dem Spiegel das Eingeständnis, noch nicht so weit zu sein. Vorwurfsvoll klagt das Manuskript vom Schreibtisch her.

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