Vom Glück der Verspätung

Die mir in einer Woche zur Verfügung stehenden Tage sind in er Regel straff organisiert. Oder, wie es Maximilian Dornseif in „Eltern sein kurz & geek“ auf den Punkt bringt, ist mein Terminplan „auf Kante genäht„. Abendveranstaltung unter der Woche bedürfen eines ausgeklügelten Plans hinsichtlich der Anreise. Das ist einer der Nebenerscheinungen, die man als Pendler in Kauf nehmen muss.

Je länger die Strecke ist, die man täglich zurücklegt, desto größer wird das Risiko. Irgendwas kann nicht nur schief gehen, sondern es geht auch meistens schief. Vor allem dann, wenn man es nicht eingeplant hat. In Bezug auf die Bahn bedeutet es, immer ausreichend Zeit Verspätungen einzukalkulieren. Sein es wegen „Störungen im Betriebsablauf„, „Personen im Gleis„, „warten auf Anschlussreisende“ oder ähnlichem.

Möchte ich abends um 20 Uhr an einer Veranstaltung in Köln teilnehmen, sollte ich daher spätesten um 17 Uhr in Essen im Zug sitzen. Je nach dem, wie viel Luft dann noch in Köln vor dem Termin bleibt, lohnt es sich für mich, noch mal kurz nach Hause zu fahren. Sinnvoll, um die schwere Tasche nicht mit sich herum zu schleppen und vor allem um die Gelegenheit zu nutzen, noch schnell in was Frisches zu schlüpfen.

Für gestern sah mein Kalender eine Veranstaltung im 20 Uhr vor. Vorstandssitzung des SPD Ortsvereins Köln Innenstadt-Nord (nein, das mit dem Namen kommentiere ich an dieser Stelle nicht). Um 19 Uhr in Köln zu sein, hätte locker gereicht. Ist auch nicht das erste Mal, dass ich mit dem IC 2213 die Strecke zurück fuhr. Bis zur Sitzung hätte ich sogar noch Zeit gehabt, mir etwas zu essen zu besorgen. Theoretisch. Es kam anders. Zunächst mit einer Verspätung des Zuges um 35 Minuten, die er bis Essen hatte. Daher durfte ich etwas länger die Gastlichkeit des Essener Bahnhofs genießen. Zumindest ist das Gröbste von Winter vorbei, so das man auf dem Bahnsteig nicht erfriert.

Es deutet sich beim Warten aber schon weiteres Unbehagen an. Eine Streckensperrung im Raum Düsseldorf. Aus dem Norden kommend führt auch für Kölner kein Weg an der anderen Stadt am Rhein vorbei – jedenfalls keiner, der nicht ein Umweg wäre. Trotzdem stieg ich noch voller Hoffnung in den IC ein. Bis Duisburg verlief auch alles noch reibungslos, bis auf die bereits vorhanden Verspätung. Dann wurde angesagt, der Zug würde über eine Nebenstrecke fahren, was die Verspätung auf insgesamt 50 Minuten erhöhen würde. Nicht ideal, aber damit hätte ich es immer noch pünktlich, wenn auch hungrig, zu Sitzung geschafft. Der Zug fuhr in einem Tempo, bei dem ein Sportler mit durchschnittlicher Kondition hätte nebenher laufen können über so malerische Orte wie „Bissingheim“ und „Lintorf„. Irritiert vom Streckverlauf verfolgte ich die Fahrt gebannt auf Google Maps um zumindest einen annähernde Vorstellung davon zu bekommen, wo ich mich gerade befand.

Zwischendurch legte der Zug dann mehre längere Verschnaufpausen ein, so dass die Chance, pünktlich zu kommen, gegen Null sank. Ursache dafür war die zu hohe Streckenauslastung, weil der gesamte Fernverkehr über die Nebenstrecke umgeleitet wurde. Ein fürsorglicher Zugbegleiter verteilte noch vor Ratingen das bekannte Fahrgastrechte-Formular. Am Ende erreichte ich Köln mit einer Verspätung von über 90 Minuten.

An dieser Stelle könnte ich jetzt weiter lamentieren, der „bösen“ Bahn Vorwürfe machen – was auch immer. Am Ende des Tages musste ich mir aber eingestehen, dass man mit Verspätungen auch Glück haben kann. Wie zu lesen war, wurde die Verspätung durch mehrere entgleiste Eisenbahnwagons im Raum Düsseldorf verursacht. Geladen hatten die verunglückten Waggons Propen (Propylen), ein brennbares und in Verbindung mit Luft explosionsfähiges Gas. Mit über 80 Einsatzkräften vor Ort konnte die Feuerwehr eine Explosion verhindern, die rund 33 Tonnen konnten gesichert und abgepumpt werden.

Bei Wikipedia ist zu lesen, wie verheerend 1978 in Unfall mit 23 Tonnen Propen in Spanien gewesen ist – 217 Tote und über 300 teils schwer verletzte Menschen. Gestern kam niemand zu Schaden. Und dabei hätte es auch durchaus anders kommen können.

Der gleiche Unfall, während parallel gerade ein IC oder ICE vorbeifährt, ein überspringender Funken, Explosion, ein auf den Personenzug zu rasender Feuerball. Ein Zug, in dem möglicherweise sogar ich hätte sitzen können. Wenn man sich das vergegenwärtigt, wirkt die Zugverspätung geradezu lächerlich.

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