Bildung neu denken – ein Abend mit Richard David Precht

In der so genannten Wissensgesellschaft, hören wir immer das Mantra vom Lebenslangen Lernen. Wie wichtig dies sei und so weiter.
Bei mir ist es das Thema Lernen, welches mich ein Leben lang nicht loslassen wird, weil es so wichtig ist.

Auch wenn ich an einer Abzweigung in meinem Leben mich gegen den Lehrerberuf entschieden habe, beschäftigt mich das Thema Schule nach wie vor. Zum einen, weil meine Frau Lehrerin ist, zum anderen aus tiefsten Interesse an dem, was den Kindern und Deutschland unter dem Deckmantel der „Schulbildung“ angetan an.

Für die Veranstaltung im Rahmen der phil.cologneDie Revolution der Bildung“ mit Richard David Precht gestern waren das gute Voraussetzungen. Entsprechend habe ich mich darauf gefreut, auch wenn die Kritiken zum Buch von Precht, „Anna, die Schule und der liebe Gott: Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ sehr unterschiedlich waren. Was mischt sich, so die „Experten“ wie Lehrer, Bildungswissenschaftler und Pädagogen, ein Philosoph überhaupt in das Thema ein, so die Kurzfassung.

Das Buch von Precht habe ich bisher noch nicht gelesen, konnte mich also fast unbelastet auf den Abend einlassen. Um 21 Uhr, an einem Sonntag für Lehrer, und es waren verdammt viele im Publikum, eine etwas ungünstige Zeit ging es los. Kein Stuhl, kein Pult, nur Precht pur auf der Bühne. Zwei Stunden freier Vortrag. Allein das muss man mittlerweile im Bildungsbereich schon honorieren.

Nur zu gut erinnere ich mich ans Studium, wo angehende Lehrer nicht in der Lage waren, in kleiner Gruppe einen Referat frei zu halten. Da wurde viel zu häufig stotternd vom Zettel abgelesen. Diesbezüglich will ich aber nicht vorgreifen, denn auch das wurde im Verlauf des Abends von Precht thematisiert.

Bereits am Anfang machte Precht deutlich, warum er ganz bewusst von einer Revolution spricht und nicht von einer Evolution. Das Bildungssystem in Deutschland lässt sich nicht weiter entwickeln, sondern muss neu gedacht werden. Gerade die Versuche in den letzten Jahrzehnten, in überholte Strukturen kleine neue Fragmente zu integrieren, führten in der Regel nicht zu Verbesserung, sondern eher zum genauen Gegenteil. Am Beispiel der digitalen Revolution machte Precht auch deutlich, dass eine Revolution nicht blutig ablaufen muss und vor allem auch innerhalb kürzester Zeit Dinge grundlegend verändern kann.

Aus meinen eigene Erfahrungen heraus teile ich diese Sichtweise von Precht. Schule hat sich, zumindest in meiner Wahrnehmung der letzten 20 Jahre als nicht reformfähig erwiesen. Reformen würden auch viel zu kurz greifen, denn es muss darum gehen, die Bildung neu zu denken.

Genau da setzte Precht auch an, als er den Unterschied zwischen Bildung und Wissen verdeutlichte. Nur für die Wissensvermittlung hätten die Schulen längst ihre Daseinsberechtigung verloren. Das könnten Experten des jeweiligen Themas, die zudem über entsprechende Unterhaltungsqualitäten verfügen würden, erheblich besser. Gerade Lehrer, die jedes Jahr in der entsprechenden Schulstufe das Gleiche machen würden, fehlte es auf Dauer auch an der entsprechenden Motivation.

Ein guter Lehrer begleitet seine Schüler auf ihrer Entdeckungsreise durch die faszinierende Welt des Wissens, Glaubens und Meinens, die man Kultur nennt.
Richard David Precht

Wissen sei etwas, was man sich bei Bedarf aneignen können. In der Regel auch besser alleine als in der Gruppe. Wie es grundsätzlich um die eigenen „Schulbildung“ bestellt ist, demonstrierte Precht dann ganz praktisch dem Publikum mit einigen Fragen. Zum Beispiel der nach dem wichtigsten Ereignis des Mittelalters. Niemand im Publikum wusste die Antwort. Richtig gewesen wäre die „Goldene Bulle“ Karls IV. im Jahr 1356. Und was sich dahinter verbirgt, konnte auch niemand beantworten. Schulstoff aus der siebten Klasse.

Beim Thema Deutschunterricht erzählte Precht, wie üblicherweise den Schülern das Thema Gedicht nahegebracht wird. Dadurch, dass man Gedicht interpretieren muss. Dadurch entsteht keine Wertschätzung für ein Gedicht. Wer aber sich aber selber mal abgemüht hat, um ein Gedicht zu schreiben, geht ganz anders heran. Genau davon von bin ich seit meinem ersten NaNoWriMo in Bezug auf Geschichten und Romane überzeugt.

Insbesondere wenn ich an meine eigene Zeit in der Oberstufe denke, verlief der Erwerb des Wissens nach einem ganz bestimmten Schema. Sich kurz vor der Klausur schnell den Stoff reinziehen, in den Klausuren von sich geben. Danach konnte man ihn getrost wieder vergessen. Bulimie-Lernen nennt Precht das.

Welchen Sinn, so die Frage von Precht, ergibt es, wenn Kinder über 100.000 Stunden ihres Lebens in der Schule verbringen und davon wenig in Erinnerung bleibt.

Für Precht ist das künftige Schulsystem in Deutschland auf jeden Fall ein eingliederiges. Nur in Deutschland und Österreich und sonst in keinem anderen Land der Welt gäbe es ein dreigliederiges Schulsystem, welches zudem, wie jüngst wieder belegt wurde, nahezu undurchlässig nach oben ist.

Sein Vision von Schulen ist die von Lernorten, die von zwei Säulen getragen werden. Computergestützter Einzelunterricht mit Lehrpersonal für Rückfragen und ansonsten Projekte, über die Bildung vermittelt wird. Kleine Teams von Lehrern unterschiedlicher Fachrichtung mit Experten planen für die Schüler Projekte, die gerne auch außerhalb von Schule umgesetzt werden können.

Eine neue Schule erfordert auch eine neue Art von Lehrern. Derzeit sei es so, dass im Regelfall eben nicht die besten Chemiker, Physiker oder andere Experten in ihrem Gebiet Lehrer würden – denn die Besten verdienen außerhalb der Schule wesentlich mehr.

Vor der Ausbildung sollten Lehrer gecastet werden, da sie auch Qualitäten als Entertainer, Schauspieler haben sollten. Nur wer selber für sein Thema brennt, kann andere begeistern. Und das auch nur dann, wenn er spannend vermitteln kann. Daher seinen die wichtigsten Voraussetzungen für Lehrer weder Fachwissen noch Didaktik, sondern zwei ganz einfache Dinge. Er muss Kinder mögen und in der Lage sein, andere zu begeistern, man muss ihm gerne zuhören.

Das Schlussplädoyer von Richard David Precht brachte es noch mal auf den Punk. Kinder nicht wie Fässer füllen sondern wie Funken entzünden.

Mir blieb nur noch eine Frage: Wo kann ich unterschreiben? Das was Precht am gestrigen Abend sagte, musste mich nicht mehr überzeugen, es war die Zusammenfassung von dem, was ich seit fast zwanzig Jahren selber glaube. Daher sah ich auch wieder ganz klar vor mir, warum ich bin dem bisherigen Schulsystem kein Lehrer werden wollte.

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