Die Mineralienlüge

Eigentlich sollte mittlerweile alt und aufgeklärt genug sein, um zumindest ein paar Werbeaussagen nicht mehr hereinzufallen. Insbesondere dann, wenn ich mich mit dem Thema auseinander gesetzt habe.

Der Anfang des Artikels wäre ein anderer, wenn dort nicht „eigentlich“ stünde. Man kann sich schon denken, was passiert ist. Ein Artikel im Magazin des Kölner Stadt-Anzeigers reichte aus, um mich nachhaltig zu verunsichern. Darin wurde Arno Steguweit, Deutschlands bekanntester Wasser-Sommelier interviewt. Dort hieß es dann relativ am Anfang:

KSTA: Was zeichnet für Sie ein gutes Wasser aus?

Steguweit: Es muss ein natürliches Mineralwasser sein. Das bedeutet, dass es von der Qualität besonders rein und wertvoll ist. Außerdem muss es absolut wohlschmeckend sein.
Quelle: KSTA

Weiter wurde dann noch behauptet, dass Kohlensäure dem Körper Schwung verleiht. Wirklich bewiesen ist allerdings nur eine Verlängerung der Haltbarkeit von Wasser, welches mit Kohlensäure versetzt wurde. Leitungswasser als Getränk lehnte Steguweit ab. So was könne man nicht genießen. Mit so etwas spült man seine Toilette.

Ein paar Tage lang sackte der Artikel in mir, dann entfaltet er seine Wirkung. Ich griff im Supermarkt wieder zur Mineralwasserflasche. Abgepacktes Wasser – im Glauben, es sei für mich gesünder. Auch wegen der darin enthaltene Mineralien. Und das, obwohl vor fast einem Jahr den Entschluss gefasst hatte, auf Leitungswasser umzusteigen.

Wenn man sich mal die Mühe macht und die Angabe auf der Flasche oder Webseite des Herstellers (hier Gerolsteiner Sprudel Medium) zu vergleichen ergibt sich ein ernüchterndes Bild. In einem Liter enthält das Mineralwasser von Gerolsteiner (in Klammern der Anteil am empfohlenen Tagesbedarf)  folgendes:

  • 348 mg Calcium (44%)
  • 108 mg Magnesium (29%)
  • 1.816 mg Hydrogen­carbonat
  • 11 mg Kalium (1%)
  • 118 mg Natrium (21%)
  • 40 mg Chlorid (5%)
  • 38 mg Sulfat

Die sogenannte Gesamt­minera­lisierung liegt bei 2.479 mg. Vergleicht man das mit dem lokal verfügbaren Leitungswasser (hier Köln)

  • 108,6 mg Calcium
  • 14,9 mg Magnesium
  • 275 mg Hydrogen­carbonat
  • 4,6 mg Kalium
  • 36 mg Natrium
  • 63 mg Chlorid
  • 83 mg Sulfat

kommt man zu einer einfachen Schlussfolgerung. Mineralwasser muss gesünder sein, denn es enthält mehr Mineralien. Diese Schlussfolgerung ist allerdings falsch.

Schon auf den ersten Blick gibt es einen sehr deutlichen Unterschied zwischen dem Leitungswasser und dem Zeug, was man uns in Flaschen als Mineralwasser verkauft. Auf der Webseite der RheinEnergie Köln findet man eine aktuelle und umfassende Trinkwasseranalyse. So etwas findet sich auf der Webseite von Gerolsteiner nicht. Dort gibt es lediglich einen Auszug aus der amtlich anerkannten Analyse. Zudem fehlt, von wann die Analyse ist. Angaben zur Belastung mit Uran zum Beispiel sucht man ebenfalls vergeblich.

Es hilft ungemein, wenn man bei solchen Thema hartnäckig am Ball bleibt und so lange weiter recherchiert, bis man belastbare Aussagen findet. Ein online verfügbaren Artikel der Süddeutsche Zeitung beschäftigt sich genau mit der für mich spannenden Frage: Mineralwasser oder Leitungswasser?

Die wichtigste Erkenntnis daraus für mich: so relevant wie behauptet sind die über das Wasser aufgenommen Mineralien nicht. Erstens nimmt der menschliche Organismus die darin aufgelöst Mineralien nicht vollständig auf. Und zweitens wird der Bedarf an Mineralstoffen bereits durch unsere Nahrung gedeckt.

Was ich bereits wusste war der Umstand, dass die Richtlinien der deutschen Trinkwasserverordnung strenger sind als die für Mineralwasser. Neu war mir aber etwas ganz anderes:

Leitungswasser hingegen wird niemals aus Abwasser gewonnen. Unser so genanntes „Rohwasser“ stammt zu 64 Prozent aus natürlichen Quellen wie Grundwasser, zu 27 Prozent aus Oberflächenwasser wie Flüssen und Seen und zu neun Prozent aus Quellwasser.
Quelle: Süddeutsche Zeitung

Aufgegriffen wird das auch noch mal in einer Broschüre der RheinEnergie.

Wer also Mineralwasser kauft, tut dies wegen eines Versprechens von Gesundheit und Wohlbefinden. Gesund ist aber eben auch das ganz normale Leitungswasser. Zudem hat es nicht nur einen Kostenvorteil, sondern schont im erheblichen Maße die Umwelt.

Erwähnt werden sollt in dem Zusammenhang noch das Projekt „Soulbottels„. Auf den ersten Blick mag die Flasche recht teuer sein, aber hinter dem Projekt steckt noch eine ganze Menge mehr – unter setzt man sich für sauberes Wasser für alle Menschen ein. Ziemlich gut auf den Punkt bringen ist die Berlin mit der Aussage, dass Leitungswasser sexy werden soll. Denn genau das macht es aus. Soulbottels als attraktive Verpackung für ein der wichtigsten Dinge auf dieser Welt.

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