Über das Zeitungslesen

Ein weiterer Feiertag. Nun ist es nicht meine Art, mich über einen freien Tag zu beschweren. Im Gegenteil. Mit Genuss schlafe ich aus, ergänze den Morgen dann durch ein ausgiebiges Frühstück. Dazu gehört nicht nur eine riesige Schale mit Milchkaffee, sondern auch ausgiebiges lesen der Tageszeitung. Und da wird die Sache dann wirklich spannend.

Seit dem ich mit meiner Frau in Köln wohnen, hat der Kölner Stadt-Anzeiger seinen Platz am Tisch. Zu wissen, was in der Stadt, in der man lebt, passiert, halte ich für immens wichtig. Man ist kein Gast, sondern Bürger, Anwohner. Über die Belange der Umgebung sollte man sich informieren, Bescheid wissen, gegebenenfalls sogar einmischen.

Eines der grundsätzlichen Probleme unserer Zeit ist der Mangel an solcher. Wer einer geregelten Arbeit nachgeht, muss eine Wahl treffen, aus welchen Quellen er sich informiert. Alles schafft man unmöglich zu lesen. Dabei konkurrieren Druckerzeugnisse mit reinen Onlinemedien. Hinzu kommen noch Mischformen, wo Verlage ihre Zeitung oder ihr Magazin auch in digitaler Form anbieten. Wie man liest, entscheidet jeder für sich selber. Es ist auch abhängig von den persönlichen Präferenzen und der jeweiligen Situation. So kann man durchaus zu Hause die Papierform der Tageszeitung anfangen zu lesen, während man dann unterwegs zur digitalen Ausgabe greift.

Viel wichtig als das wie erscheint mir aber mehr denn je das was. Und genau an dieser Stelle verfiel ich heute ins Grübeln. Trotz Feiertag befand sich heute Morgen der aktuelle Kölner Stadt-Anzeiger im Briefkasten – dafür erscheint die nächste Ausgabe erst wieder am Samstag. Für einen Viel- und Schnellleser kann das fatal sein, denn den KSTA habe ich schnell durch. Das liegt an der Mischung von dpa-Artikeln, die ich bereits zuvor im Netz gelesen habe und Texten, die meinen Denkapparat nicht übermäßig beanspruchen. Der KSTA ist, wenn man es so sagen will, ein No-Brainer.

Zu der Zeit, als wir parallel noch die Süddeutsche Zeitung bekamen, fiel das nicht weiter ins Gewicht. Die eine Zeitung für das Lokale, die andere für den Rest. So haben wir es auch 18 Jahre in Bielefeld gehalten. Im Normalfall sind aber zwei Tageszeitung zu viel, zumal die SZ nicht zu Unrecht als anspruchsvoll gilt. An Tagen wie heute fehlt mir dann genau dieser Anspruch. In meiner Verzweiflung erwarb ich dann gegen Mittag die digitale Ausgabe der ZEIT, welche sich auf dem iPad gut lesen lässt. Die Texte trafen wie Wasser auf einen trockenen Schwamm. Gierig saugte ich die Worte auf.

Mit jedem gelesen Artikel wurde deutlicher, was Zeitungslesen eigentlich bedeutet. Es prägt unsere Art zu denken. Nicht nur worüber wir nachdenken, nein, sondern auch wie wir nachdenken. Bei mir haben die fast 20 Jahre, in denen ich die Süddeutsche Zeitung gelesen habe, deutliche Spuren hinterlassen. Ich bin schnell genervt von Artikeln, die seicht daherkommen. Texte stoßen mich ab, wenn Argumente nicht sorgfältig abgewogen werden. Zeitung lesen war für mich immer auch lesen von zumindest einer Hand voll Artikel pro Tag, die mich über den Tag hinaus beschäftigten. Wäre das nicht so, könnte ich zum Frühstück auch die Inhaltsangabe von Marmeladengläsern lesen.

Mich führt das zur vielleicht gewagten These: die Zeitung, die wir lesen, wirken sich unmittelbar auf uns aus. Hätte ich 20 Jahre die FAZ gelesen, wäre ich mit Sicherheit ein anderer Mensch, als der, der ich heute bin. An das Blatt mit den großen Buchstaben denken wir lieber erst gar nicht.

Man kann das auch noch weiter führen und sich fragen, was aus Kindern und Jugendlichen wird, die gar keine Zeitung lesen – auch nicht online. Ich für meinen Teil bin meinen Eltern dankbar, dass sie mir sein meinem siebten Lebensjahr zum Frühstück einen Teil ihrer Zeitung zum lesen gaben. Das hat mich geprägt.

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