Fremd gehen

Bereits als Jugendlicher, wenn alles neu und aufregende ist, ahnt man, dass es so etwas wie ewige Treue zu einer Biersorte nicht möglich ist. Man probiert sich durch, findet das eine oder andere Bier, welches einem besonders schmeckt.

Mit der Zeit bilden sich dann gewisse Präferenzen heraus. Die einen schwören auf bitteres Pils, während andere malziges Dunkelbier bevorzugen. Bier ist eben nicht gleich Bier. Spätestens wenn man in eine andere Stadt oder gar Bundesland zieht stellt man fest: auch andere Brauereien haben leckeres Bier.

Mit zunehmenden Alter verfestigen sich die Präferenzen zu Gewohnheiten. Mancherorts gibt es auch eine geradezu patriotisch aufgeladenen Leidenschaft für ein ganz bestimmtes Bier. Besonders gut beobachten lässt sich das hier in Köln beobachten, wo man selbstverständlich Kölsch trinkt. Im Brauhaus nach Alt zu fragen ist ungefähr genauso empfehlenswert wie ein Spaziergang am Freitag Nachmittag über die A40. Rheinaufwärts ist man da wesentlich toleranter. Ob Düsseldorf aber wirklich die längste Theke der Welt hat, ist eine ganz andere Sache.
sonnehopfen

Mein erstes Kölsch trank ich im Juni 2010, nach unterschreiben des Mietvertrags für eine Wohnung in der Domstadt. Die langen Jahre davor in der Bielefelder Diaspora waren geprägt von unterschiedlichen Sorten. Köstritzer, Paulaner und selbstverständlich Diebels Alt, denn als gebürtiger Niederrheiner wuchs ich in der Altbierregion auf. Ab und an fand sich auf mehr versehentlich eine Flasche Becks oder Veltins in meiner Hand. Eine doppelte Abweichung, da es im Gegensatz zu den anderen Sorten untergährige Biere sind und, noch viel schlimmer, es keinen Unterschied macht, ob man sie aus der Flasche oder einem passenden Glas trinkt. Wenn man ehrlich zu sich selber ist, gibt es nicht schlimmeres, als warmes Bier aus Flaschen oder Dosen zu trinken. Und spätestens beim Kölsch weiss man, dass für den anständigen Genuss bestimmter Biersorten auch das passende Glas vorhanden sein muss. Kölsch trinkt man eben nicht aus Bierkrügen.

Mittlerweile hat sich bedingt auch durch den Umzug nach Köln so etwas wie Treue zur heimischen Biersorte entwickelt. Bei den Sorten kommt es dann darauf an, ob das Kölsch frisch vom Fass stammt oder aus der mindestens zwei Tage gekühlten Flasche. Da hat sich Gaffel als die beste Wahl erwiesen. Zudem stammt von dieser Brauerei auch noch die umwerfend gute Fassbrause (nein, ich bekomme hierfür kein Geld, würde mich aber über einen Jahresvorrat durchaus freuen).

Treue. Kommen wir wieder zurück auf das Thema. Meine Frau und ich sind in der letzte Woche, verführt durch die Werbung fremdgegangen. SonnenHopfen nennt sich das neue Bier von Gaffel. Und nein, es ist kein Kölsch. Das einzig verbindende ist die Brauart. Ansonsten aber erwartet einen ein völlig anderes Bier.

Wer so etwas wie Weißbier erwartet, wird vom SonnenHopfen enttäuscht sein, denn das Sommerbier von Gaffel hat ein ganz anderen Charakter. Wer lesen kann, ist auch hier im Vorteil, denn es steht nicht ohne Grund auf Flasche und Verpackung „Mit besonderer Hopfennote“. Die ist in diesem Fall tatsächlich sehr ausgeprägt und verleiht dem Bier etwas besonderes. Gelegenheitskonsumenten und 08/15-Bier-Anhängern wird der Hopfengeschmack bitter aufstoßen. Der SonnenHopfen ist im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Bieren auch nicht mit Hopfenextrakt, sondern mit richtigem Hopfen, in diesem Fall Citra Hopfen aus dem Yakima Valley, gebraut. Erst wenn man sich dran gewöhnt hat (was gut und gerne mehrere Tage und Anläufe benötigt), weiss man das zu schätzen.

Oben im Bild hat sich im Übrigen ein Fehler eingeschlichen – das Sixpack ist leer.

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