Wechselnde Perspektiven

Draussen verschwindet gerade der Rest vom Frühling hinter einer großen Regenwolke. Dabei hatten wir gestern bei 26 Grad am Abend noch von einem sonnigen Wochenende geträumt. Aber wir wollen nicht über das Wetter reden, es gibt erfreulichere Perspektiven.

Wer mit dem Schreiben beginnt, fängt erstmal oft an, erstmal darauf los zu schreiben um die Geschichte festzuhalten. Selten macht man sich als Anfänger Gedanken über die Erzählperspektive. Aus der Schulzeit ist noch hängengeblieben, dass es so etwas wie einen Ich-Erzähler und etwas anderes gibt. Später lernt man die feinen Unterschiede kennen, die es innerhalb der vier verschiedenen Erzählperspektiven (auktoriale, personale, neutrale und die Ich-Erzählperspektive) gibt. Und ganz klar, der Autor ist selbstverständlich nicht identisch mit dem Erzähler.

Im weiteren Verlauf, gerade wenn man bei einem Schreiprojekt aus der Sicht von mehr als einer Figur erzählen möchte, steht man vor der Frage, wie sich das bewerkstelligen lässt. Als Faustformel dabei gilt, so steht es zumindest in nicht wenigen Schreibratgebern, pro Kapitel eine Perspektive. Auf gar keinen Fall sollte man die Perspektive wechseln und schon gar nicht ohne deutlichen Hinweis.

Am Wochenende habe ich damit angefangen, „Ein plötzlicher Todesfall“ von Joanne K. Rowling zu lesen. Mir ist egal was andere von dem Buch halten. Zudem muss ich gestehen, dass ich von „Harry Potter“ nur die ersten beiden Bände gelesen aber alle Filme gesehen habe. Als Film fand den Stoff ganz nett, aber als Buch überzeugte es mich nicht. Das neue (wo bei es gar nicht mehr so neu ist) Buch von Rowling gefällt mir. Was mich, der gerade die ersten hundert Seiten gelesen hat, wirklich beeindruckt, ist die Art, wie Rowling mit den Perspektiven umgeht. Sie verwendet für ihren Roman die personale Erzählperspektive, die aber für sich alleine nicht ausreicht bei dem, wie sie die Handlung präsentiere möchte. Daher setzt sie auf die personale Multiperspektive. Allerdings setzt sie sich gekonnt über die Tipps aus Ratgebern hinweg:

In jüngeren Jahren hatte sie mehr Abstand gehabt, jetzt erkannte sie, wie glücklich sie sich alle schätzen konnten, am Leben zu sein.
„Konnten sie denn gar nichts für ihn tun?“, fragte Simon. „Konnten sie’s nicht zustopfen?“
Er klang gereizt, als hätte die Medizin es einmal mehr versäumt, das Einfache und Offensichtliche zu tun.
Andrew war von wilder Freude erfüllt. In letzter Zeit war ihm aufgefallen, dass sein Vater sich angewöhnt hatte, den medizinischen Ausdrücken seiner Mutter plumpe, ignorante Vorschläge entgegenzustellen. Intrazerebrale Blutungen. Zustopfen. Seine Mutter bekam nicht mit, worauf sein Vater aus war. Wie immer. Andrew aß seine Weetabix, und in ihm brannte der Hass.
„Als sie ihn uns brachten, war es zu spät, noch irgendetwas zu unternehmen.“ Ruth ließ einen Teebeutel in die Kanne fallen. „Er starb im Krankenwagen, kurz bevor sie eintrafen.“
„Ach du meine Fresse“, sagte Simon. „Wie alt war er, vierzig?“
Aber Ruth war abgelenkt.
„Dein Haar ist hinten total verfilzt, Paul. Hast du es nicht gebürstet?“
Sie zog eine Bürste aus ihrer Handtasche und drückte sie ihrem jüngeren Sohn in die Hand.

Auszug aus: Rowling, Joanne K. „Ein plötzlicher Todesfall.“ Carlsen, 2012

Rowling springt zwischen Der Perspektive von Ruth (grün) zu der ihres Sohnes Andrew (gelb) und wieder zurück. Diese Vorgehensweise verwendet sie ausgesprochen Häufig im Roman. Als Leser habe ich dabei kein Problem, der Handlung zu folgen. Durch die Sprünge erreicht, wie ich finde, Rowling nicht nur Tiefe, sondern erzeugt auch ein Mehr an Spannung zwischen den Figuren.

Für meine eigene Überarbeitung von „Altmetall am Altrhein“ kommt das Buch gerade rechtzeitig. Es wirft in mir die Frage auf, ob wirklich so wie geplant alles umwerfen sollte, um mich pro Kapitel auf eine Perspektive zu beschränken.

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