Grüne Wellen

Grüne Wellen

Im Prinzip ist es zu begrüßen, wenn ein Unternehmen auf Ökostrom setzt. Besonders dann, wenn es so groß ist wie die Deutsche Bahn. Am Morgen, so ist zu lesen, werden alle Stammkunden, also auch bahn.card 100 Besitzer wie ich, mit Ökostrom unterwegs sein. Einfach so, ohne das man selber etwas ändern muss. Vor alle heisst es, es würde für die Besitzer von Streckenzeitkarte und Bahncard-Inhabern nicht mal einen Cent mehr kosten.

Das ist sehr freundlich von der Bahn, die sich mittlerweile jedes Jahr bei ihren treusten Kunden ordentlich bedient. Merken wir aber nicht, denn die Bahn ist eines der umweltfreundlichsten Massenverkehrsmittel. Nur eines verstehe ich noch nicht so ganz.

Auf der Seite der Bahn heisst es:

Rund fünf Millionen BahnCard- und Streckenzeitkartenkunden fahren […] ohne Aufpreis in Fernverkehrszügen (ICE- und IC/EC-Züge) innerhalb Deutschlands mit 100% Ökostrom.

Soweit so gut, wenn da nicht der folgende Zusatz wäre:

Mindestens 75% aller Fernverkehrsfahrten werden zukünftig mit 100% Ökostrom durchgeführt.

Wenn weniger als 100 Prozent der Fernverkehrsfahrten mit Ökostrom durchgeführt werden, wie wird dann gewährleistet, dass ich als Inhaber einer Bahncard immer mit Ökostrom fahre? Muss ich künftig vorher die Bahn informieren, damit die Züge auf den von mir benutzten Verbindungen auch mit Ökostrom fahren?

Noch komplizierter wird es durch folgende Regelung, die für alle übrigen Reisenden gilt:

Auch Käufer einer Einzelfahrkarte im Fernverkehr können mit dem Angebot „Umwelt-Plus“ umweltbewusster Bahn fahren: Für 1 Euro Aufpreis pro Person und Fahrtrichtung reisen auch Sie mit 100% Ökostrom im Fernverkehr.

Nehmen wir mal an, jemand entscheidet sich, den einen Euro nicht zu zahlen. Er steigt mit seiner Fahrkarte aber in den gleichen ICE, mit dem ich auch fahre. Wird der Zug nun mit Ökostrom betrieben oder nicht? Fährt er mit konventionellen Strom, weil der Kunde den einen Euro nicht bezahlt hat, kann ich folglich nicht mit 100 Prozent Ökostrom unterwegs sein. Umgekehrt würde der Kunde eine Leistung erhalten (Fahrt mit Ökostrom), für die er nicht bezahlt hat.

Dabei fahren natürlich nicht nur zwei Personen mit dem ICE, sondern eine ganze Menge mehr. Zudem sind auch erheblich mehr Fernzüge unterwegs. Das dürfte im Einzelfall schwierig werden. Zudem kann ein Kunde kaum prüfen, ob er wirklich mit Ökostrom fährt, in dem er beispielsweise am Hochspannungsmast leckt.

Klimaschutz, so wie die Bahn das darstellt, ist wohl doch etwas komplizierter. Ein Trost bleibt auf jeden Fall, denn das mit dem Ökostrom ist ähnlich wie mit den Osterhasen und den Weihnachtsmännern. Auch wenn bei deren Produktion immer frische Schokolade verwendet wird, benutzen einige Hersteller aus Kostengründen die gleiche Zapfenform. Nach außen sieht es nach Saisonware aus, innen drin ist aber das gleiche. Es kommt halt auf die Verpackung an.

2 Replies to “Grüne Wellen”

  1. Du musst dich von dem Gedanken verabschieden, dass dein Verbrauch auch sicher mit Ökostrom gedeckt wird. So ist es ja zuhause auch nicht, da es technisch gar nicht machbar ist.
    Vielmehr wird einfach die pro Kopf verbrauchte Menge gekauft und ins System eingespeist.

    Es wird genug Ökostrom gekauft, um alle BC-Kunden damit transportieren zu können; und scheinbar auch genug für 75% der Fernverkehrsfahrten. Wer dann konkret mit welchem Strom durch die Gegen kutschiert wird, ist völlig irrelevant.

    Wie hab ich es meinen Kunden früher erklärt…
    Du musst dir den kompletten Strommarkt wie einen großen Pool vorstellen. Du zahlst privat bspw. für 1750 kWh Ökostrom. Dein Anbieter verpflichtet sich, diese Menge zu produzieren/kaufen und sie in den Pool zu kippen. Was du nun entnimmst, kann nicht garantiert Ökostrom sein, aber du hast dafür gesorgt, dass dein Anteil am Verbrauch eben Ökostrom ist.

    Der Einzelne gilt hier nur als Teil des Ganzen.

    1. So wie du das erklärst, hab ich mir es auch in etwas gedacht. Nur würde ich mir wünschen, dass so ein Konzern wie die Bahn es auch entsprechend deutlich ausdrückt. So bleibt es nur ein Werbeversprechen – zu sagen, die Bahn macht viel Wind um das Thema, passt bei Ökostrom fasst schon zu gut.

      Btw.: Das mein Strom zu Hause AKW-frei ist, glaube ich auch nicht, obwohl wir Ökostrom haben…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren