RSS ist nicht tot

Reden wir mal nicht über das Wetter, auch wenn es erste Anzeichen von dem gibt, was man als typisches Aprilwetter bezeichnen würde. Wobei April das richtige Stichwort ist. Die erste Meldung zum Thema Google Reader las ich heute morgen um 6:20 Uhr. Zunächst hielt ich es für einen Aprilscherz. Der Dienst soll zum Sommer hin abgeschaltet werden, so was konnte, nein wollte ich mir gar nicht vorstellen.

Leider verdichteten sich dann aber die Information. Das ist kein verfrühter Aprilscherz, sondern bittere Wirklichkeit. Für mich und viele andere Power-User kommt das einer mittleren Katastrophe gleich. Es gibt nichts was ich so intensive nutze wie Google Reeder – wobei das nicht ganz der Wahrheit entspricht und damit wohl auch ein Kern des Problems sein könnte. Denn ich nutze den Reeder nicht auf der Webseite von Google, sondern über verschiedene Apps. Auf dem Mac zum Beispiel greift Reeder auf die Feeds zu, die ich über den Google Dienst angebunden habe. Werbung bleibt auf diese Weise ausgeblendet.

Von Google selber gibt es zur Abschaltung im Rahmen des „Frühjahrsputz“ nur ein recht knappes Statement:

There are two simple reasons for this: usage of Google Reader has declined, and as a company we’re pouring all of our energy into fewer products. We think that kind of focus will make for a better user experience.
Google Reader Blog

Das mit den Benutzerzahlen kann ich nicht beurteilen, aber ich wage mich mal an die Behauptung, dass RSS alles andere als tot ist. Was zutrifft, ist das unterschiedliche Nutzungsverhalten. Es gibt Menschen, die mit RSS nach wie vor nichts anfangen können, denen die Really Simple Syndication viel zu kompliziert ist. Dann gibt es noch die deutlich kleine Gruppe, nennen wir sie mal Zielgruppe von RSS. Technik- und Internet-af­fine Menschen, die mitunter tägliche viele unterschiedliche Informationen im Blick behalten wollen, nutzen RSS. Für diese Gruppe bot sich auch gerade der Google Reader an, weil er über Plattformen hinweg immer synchron blieb.

Hier führte jedoch die Entwicklung zu einer regelrechten Monokultur, die sich eben jetzt rächt. Neben Google Reader kam erst mal lange nichts. Dabei gab es auch vor Google Reader RSS-Feeds, Programmen und Webanwendungen zu sammeln und lesen sowie Dienste, die in der Lage waren, gelesen Feeds abzugleichen.

Lange Zeit habe ich zum Beispiel NetNewsWire genutzt, das Programm sogar, als es noch nicht kostenlos und werbefinanziert war, gekauft. Fehleranfälligkeit, langsame Entwicklungszeiten und andere Probleme führten jedoch dazu, dass auch ich mich vor längerer Zeit für Google Reader entschied. Das Lesen meiner abonnierten Feeds gehört für mich zur täglichen Routine. Über die Jahre sind ist immer mehr Feeds geworden – wobei es einige Karteileichen gibt, die dringend ausgemistet werden müssten. Hier zeigt sich, dass die bevorstehende Zäsur auch eine Chance ist, über sein eigene Leseverhalten nachzudenken.

Die nächsten Wochen werden zeigen, ob jemand anders herbeigeeilt kommt, um die sich auf tuende Lücke zu füllen. Heißer Kandidat dafür ist auf jeden Fall feedly, auch wenn man sich damit wieder in die Hände eines Dienstleister begibt, von dem man nicht weiß, wie er sein Geld verdient – eine Wiederholung des Google Reader Dramas ist damit nicht ausgeschlossen. Für feedly spricht auf jeden Fall der nahtlose Umstieg. Wer sich mit seinem Google Account anmeldet, hat sofort alle seien Feeds und Gruppen bei feedly, inklusive der favorisierten Artikel. Seitens feedly wird auch versprochen, dass man nach der Abschaltung von Google Reader eigenständig weiter läuft. Man sei auch dabei, gerade an einer API namens Normandy zu arbeiten, mit über die Applikationen von Drittanbietern dann in ähnlicher Weise wie mit Google Reader kommunizieren können.

Alternative dazu gäbe es noch die Möglichkeit, sich auf eigenem Webspace fever zu installieren. Das Anwendung macht einen guten Eindruck, die zu zahlenden 30 Dollar dürften eine gute Investition sein und es gibt bereits Applikationen, die mit fever kommunizieren. Allerdings scheint die Entwicklung von fever nicht mehr aktiv betrieben zu werden.

Bis zum 1. Juli bleibt noch etwas Zeit. Die sollten man auch nutzen, um über Google Takeout ein Archiv herunter zu laden, welches die abonnierten Feeds und Gruppen enthält.

Kommentar verfassen