Der Krimi als Spiegel

Im Grund gibt es nur zwei Sorten Krimis: gute und schlechte.

Eine Unterteilung von Krimis in diese zwei Kategorien mag vielleicht verlockend, sogar passend erscheinen, greift aber deutlich zu kurz. Vor allem auch deshalb, weil sie verschweigt, was einen guten Krimi zu einem solchen macht.

Gleichermaßen ist eine Unterteilung in Lokalkrimi, Regio-Krimi und so weiter aus Marketingsicht nachvollziehbar. Es stopft aber die einzelnen Werke mitunter in die falsche Schublade. Zudem gibt es herausragende „Lokalkrimis“ – insbesondere diesem Label haftet immer auch zu Unrecht etwas eher bodenständiges, um nicht zu sagen minderwertiges an. Interessanter ist daher die Betrachtung von Krimis unter dem Gesichtspunkt der transportierten Botschaft bzw. Aussage. Krimis können Bezug nehmen auf gesellschaftliche und politische Zustände. Das kann dabei ganz offen passieren oder aber die nur leise vernehmbare Grundmelodie zur Handlung sein. Differenzieren sollte man dabei zwischen Krimi und Detektivroman, der „im Wesentlichen heile Welt“ abbildet (vgl. Peter Nusser, „Der Kriminalroman“. Stuttgart 2008, S.126).

Der Fokus im Krimi liegt überwiegen auf Opfer, Täter und Ermittler, gleichzeitig spielt die umgebenden Gesellschaft eine Rolle. Mitunter ist das geschilderte Verbrechen Ausdruck des Zustandes der dargestellten Gesellschaft. Die Schuld teilten sich Täter und Gesellschaft gleichermaßen. Im Detektivroman dagegen ist der Täter allein das Abnorme.

Ein Beispiel dafür ist „Tod auf dem Nil“ von Agatha Christie. Der anfängliche Mord wird begangen von einem Täter, der seinen im zugedachten Platz in der Gesellschaft verlassen hat und deshalb scheitern muss. So gesehen vermittelt „Tod auf dem Nil“ eine sehr konservative Botschaft. Zurück zum Krimi wäre dies ein weiteres Unterscheidungsmerkmal. Die eigene Haltung des Autors zu den von ihm beschrieben Zuständen schwingt in seinem Werk mit.

Verkürzt lässt sich das auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Hinter jedem Krimi steckt eine Aussage oder eine Fragestellung, mit der sich der Leser über die Handlung hinaus auseinandersetzt. Zumindest sollte es so sein. Damit geht es wieder zurück zum Anfang, zu den guten und schlechten Krimis. Es gibt durchaus Krimis, die ins Leere laufen, weil ihnen das Entscheidende fehlt. Figuren, Handlung und Schauplätze sind austauschbar. Je mehr man von diesem Krimis liest, desto größer ist die Enttäuschung.

Ein guter Krimi unterhält nicht nur, sondern auch.

Wenn ich mir die im letzten Monaten gelesenen Krimis noch mal vornehme und genau hinschaue, bei den Krimis, die mir gefallen haben, gibt es drei Übereinstimmungen. Sie haben eine Aussage oder eine Fragestellung, die sich durch die Handlung zieht, setzen sich mit der Gesellschaft zum Zeitpunkt der Handlung auseinander und sie thematisieren die Faktoren, die den Täter haben zum Täter werden lassen.

Es gibt daher Krimis, die wie ein Spiegel funktionieren. Andere wie ein Lupe oder Brennglas, die unsere Aufmerksamkeit auf ganzen bestimmten Aspekt richten wollen. Und es gibt solche, bei denen der Autorin oder dem Autor eine Frage auf den Nägeln brannte. Dabei kann die Frage durch die Krimi beantwortet oder aber an das Publikum wie ein Staffelstab weitergereicht werden.

Eine zugegeben immer noch grobe Einteilung wäre die, ob der Krimi eine Intention hat oder nicht und weiter, ob der Autor oder die Autorin dazu in der Lage gewesen ist, diese Intention auch entsprechend zu transportieren. Gute Absichten alleine garantieren keine guten Krimi. Zudem kann auch reine Unterhaltung gut gemacht sein.

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