Fiktive Doktoren

„Der Antrieb jedes Menschen: Wichtig sein.“ – Lajos Egri

In seinem Buch „Literarisches Schreiben“ behauptet Lajos Egri, jeder Mensch würde danach streben, wichtig zu sein. Egri bezieht das im weiteren Verlauf auf die Entwicklung von Romanfiguren und deren Antrieb innerhalb der Handlung. Gut in diesen Zusammenhang passt auch ein weiteres Zitat aus dem Buch:

Bedenken Sie bei der Figurenbildung: Ein Mensch, der des Privilegs beraubt ist, in seinen oder in den Augen der Gesellschaft, in der er lebt, zu Bedeutung zu gelangen, kann zu einem gefährlichen Menschen werden. Außer dem Selbsterhaltungstrieb gibt es nichts Wichtigeres als wichtig zu sein.
Quelle :“Literarisches Schreiben“ von Lajos Egri

Die Thesen von Egri fielen mir heute Morgen wieder ein, als ich mir noch mal die Causa Schavan durch den Kopf gehen ließ. Natürlich kann ich nur Mutmaßungen, die mir vermutlich auch nicht mal zustehen, darüber anstellen, was in ihr vorgeht. Setzen wir aber mal das Egri Recht hat und das, was er vor dem Hintergrund des literarischen Schreibens verfasst hat, auch tatsächlich in der Wirklichkeit zutrifft. Zumindest Egri schien daran fest geglaubt zu haben.

Demnach steht die Bundesministerin für Bildung, Annette Schavan, mit dem Rücken zur Wand. Die Universität Düsseldorf hat ihr den Doktortitel aberkannt. Schavan kann gar nicht anders als dagegen mit allen Mittel die ihr zur Verfügung stehen anzugehen. Gleiches gilt auch für ihr Amt. Sie kann nicht zurücktreten. Tut sie es, verliert sie ihre Bedeutung. Das nach außen hin wirkende Festklammern an Amt und Würde ist ein Festklammern an der eigenen Bedeutung.

Unabhängig davon, in welcher Weise man ihr Verhalten moralisch wertet – von einem gewissen Standpunkt aus ist es zumindest nachvollziehbar. In einem Roman wäre Schavan wohl eine tragische Figur, in einer langen Reihe zusammen mit Ikarus stehend.

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