Keine Kampagne

„Wenn man als Partei einen Mann aufstellt, der den Zenit seiner politischen Karriere bereits überschritten hat, bedarf es keiner Kampagne, um dieser Partei zu schaden. Das hat sie bereits selber getan.“

Der Artikel „Der Herrenwitz“ von Laura Himmelreich im stern vom vergangene Donnerstag hat ein enormes Echo erzeugt. Nach wie vor ist Sexismus in unserer Gesellschaft verbreitet. Das Frau Himmelreich es thematisiert hat, ist ein großer Verdienst. Die Diskussion in den letzten Tagen habe ich mit wachsender Verwunderung zu Kenntnis genommen.

„Brüderles Blick“, schreibt Laura Himmelreich, wandert auf meinen Busen. „Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.“ Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen.“
Quell: stern.de

Meine, zugegeben naive, Erwartung: Rainer Brüderle erklärt sich öffentlich zu dem Vorfall, entschuldigt sich dafür und besitzt dann auch noch so viel Ehrgefühl, um von seinen Ämter zurück zu treten. Allein schon deshalb, damit das richtige Signal gesetzt wird. Unser Gesellschaft kann und darf Sexismus und sexuelle Übergriffen gegen Frauen nicht tolerieren.

Bisher hatte ich immer noch geglaubt, Brüderle würde sich zumindest entschuldigen. Statt dessen hüllt er sich bis jetzt in Schweigen. Schlimmer noch, sein Vergehen (denn ein solches ist es) wird von anderen innerhalb und außerhalb seiner Partei verharmlost – bis hin zur Aussage, Himmelreich sei selber schuld gewesen. An diesem Punkt muss massiv widersprochen werden. Es ist ein traurige Tradition, Opfern zu Schuldigen zu machen. In letzter Konsequenz führt so etwas dann zu der Behauptung, mit Burka wäre so etwas nicht passiert.

Dieses Leugnen der Wahrheit ist für sich genommen schon schlimm genug. Genauso wie der Versuch, sexuelle Übergriffe einfach unter den Tisch zu kehren. Oder es als „Flirt“ zu verharmlosen, wie es Katja Suding, FDP-Fraktionschefin in der Hamburger Bürgerschaft, anscheinend getan hat.

Politik ist nicht sexistischer als andere Branchen auch. […] Überall, wo Menschen aufeinandertreffen, wird nun einmal auch geflirtet. Und das darf auch so sein.
Quelle: Hamburger Abendblatt

Heute morgen beim lesen des Kölner Stadt-Anzeigers stieg mir die Zornesröte ins Gesicht. Gegenüber dem KSTA sprach der FDP-Parteivorsitzende Phillip Rösler von einer Kampagne, die derzeit gegen den Spitzenkandidaten der FDP für die kommende Bundestagswahl im Herbst laufe.

Die Vorwürfe gegen ihn sind durchsichtig und haltlos. Das ist eine Kampagne gegen die gesamte FDP.
Quell: KSTA, 29.01.2013, S. 5

Die Aussage von Herrn Rösler halte ich nicht nur für groben Unfug, sondern auch für Fahrlässig. Es ist keine Kampagne. Wer anderes behauptet, ist dabei die Wahrheit zu seinen Gunsten zu manipulieren. Möglicherweise leidet Herr Rösler auch schon an einer Beeinträchtigung seiner Wahrnehmung. In der Öffentlichkeit ist die Solidarität nämlich nicht so groß, wie der FDP-Parteivorsitzende meint. Laut einer Emnid-Umfrage sprachen sich 90 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bürger dafür aus, dass sich Brüderle bei Himmelreich entschuldigen solle.

Inzwischen erwartet ich nicht nur einen Rücktritt von Rainer Brüderle, sondern auch von Phillip Rösler. Und die ganzen schenkelklopfende Mini-Berlusconis in deutschen Vorstandsetagen können gleich allesamt mit zurück treten.

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