Die Physik der Handlung

„Schlecht geschrieben Schreibratgeber sind wie dünne Metzger. Es fehlt einem das Vertrauen ins Produkt.“

Viel Schreibratgebern für angehende Autoren lassen sich hervorragend verwenden, um zum Beispiel einen wackelnden Tisch zu stabilisieren. Inhaltlich dagegen überzeugen sie oft weniger. Unabhängig von in ihnen steckenden fachlichen Essenz liegt es daran, wie sie geschrieben wurden.

Fachbücher, und um solche handelt es sich bei den Werken zum Thema Schreiben, Gestaltung von Dialogen, Aufbau von Krimis etc., müssen nicht langweilen. Es ist auch eine Frage des Vertrauens. Einem Autor, der ein stilistische schlechtes Buch abliefert, gibt kein gutes Beispiel ab. Genre und Thema sind unerheblich.

Statt einer langen Liste schlechter Bücher aufzuführen, lieber ein Gegenbeispiel. Mit „Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“ hat Larry Beinhart einen Ratgeber verfasst, der sich gut lesen lässt, sogar unterhaltsam ist. Beinhart schafft dies durch seinen Schreibstil (verbunden mit einer guten Übersetzung), anschaulichen Beispiel und dadurch, dass er auch anderen Meinungen Raum gibt, dann aber begründet, warum er es genau so macht.

Ein sehr schöner Vergleich von ihm ist der, Handlung als Vektoren von Richtung un Kraft zu betrachten.

Jede Person und jedes Ding hat eine bestimmte Masse. […] Wenn ein Objekt in Bewegung auf ein anderes oder auf ein unbewegtes Objekt trifft, geschieht etwas. Und was geschieht, hängt von der jeweiligen Masse und Geschwindigkeit ab. Manchmal wird dabei etwas ursprünglich Ruhendes bewegt, manchmal geht etwas zu Bruch, manchmal prallen die Dinge voneinander ab und werden in eine ganz neue Richtung geschleudert.
„Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“ von Larry Beinhart, S. 148f

Aufgabe des Autors nach Beinhart ist es entsprechend, „die Masse in Bewegung zu beschreiben“. Dazu gehört auch Geschwindigkeit und Kraft und vor allem das, was beim Aufprall passiert.

Der Triebtäter tötet einen Jungen, wirft die Familie des Kindes aus der Bahn. Das ruhende Objekt kommt sozusagen in Bewegung. Die freigesetzt Energie führt in letzter Konsequenz dazu, dass jemand aus der Familie Rache nimmt am Täter. So gelesen in „Finkenmoor“. Die Autorin beschreibt packend die zunehmende Geschwindigkeit, mit der am Ende wieder zwei Objekte aufeinander treffen werden. Diesmal dann aber sind beide in Bewegung. Genau diese Geschwindigkeit, die der Leser wahrnimmt, führt zu Büchern, die man wie im Rausch verschlingt. Die Geschwindigkeit reisst mit, die Wucht des Aufpralls erschüttert.

Auch wenn Beinhart den Fokus auf ein bestimmtes Genre legt, gelten einige seiner Aussagen auch darüber hinaus. Gerade dann, wenn es um Techniken des Erzählens oder die Art der Vorbereitung geht. In einigen Rezensionen zum Buch wird Beinhard vorgeworfen, unkonventionell zu sein. Genau das aber macht den Unterschied aus zu den anderen Ratgebern. Vielleicht ist es wirklich kein Buch für Schreibanfänger. Wer aber schon ein oder zwei Romane zu Papier gebracht hat, wird bei Beinhart Denkanstösse für die Überarbeitung der eigenen Texte finden.

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