Finkenmoor

FinkenmoorEs gibt Bücher, die stellt man sich nach dem Lesen ins Regal. Dann gibt es solche, die man lieber schnell weiterverschenkt. Und es gibt Bücher, die würde man in einen Koffer packen, um sie auf eine einsame Insel mit zu nehmen.
Das Buch „Finkenmoor“ von Myriane Angelowski gehört zur letzten Kategorie.

Was das Buch auszeichnet, ist eine spannende Handlung, die sprachlich gut umgesetzt wurde. Häufiger trifft man gerade bei Lokalkrimis die Sorte an, bei dem entweder das Eine oder Andere fehlt. Oder es gleich an beiden schmerzlich mangelt. Myriane Angelowski ist weit davon entfernt. Die Frage, ob ihr Buch ohne Ermittler überhaupt ein Krimi sei, stellt sich gar nicht. Es ist einfach ein gutes Buch, egal welchem Genre man es zuordnen würde. Im Mittelpunkt steht die Frage, mit der Angelowski auch am Ende der Geschichte den Leser alleine lässt: Wie weit würde man gehen, wenn einem alles genommen wird?

Im Klappentext wird die Handlung wie folgt umrissen:

Zwei Kinder verschwinden an einem Novembertag am Cuxhavener Finkenmoor spurlos. Als das ganze Ausmaß des Verbrechens ans Tageslicht kommt und der Täter endlich gefasst wird, sind die betroffenen Familien fassungslos über das milde Urteil. Nach Jahren voller Verzweiflung nimmt allmählich ein neuer Gedanke von den Hinterbliebenen Besitz: Rache.

Mord an Kindern, Rachegedanken – alles schon mal geschrieben worden. Die Themen sind nicht neu, das mag sein. Es ist aber die besondere Art, wie Angelowski den Stoff anpackt. Die Handlung wird auf mehreren Zeitebenen multiperspektivisch erzählt. Keine Figur, an die man sich klammer kann, die einen durch die Handlung trägt. Dagegen schwenkt die Kamera immer wieder auf eine andere Figur. Im ersten Teil des Buches wird einem mitunter schwindelig durch immer neue Namen, die auftauchen. Dagegen läuft im zweiten Teil alles zusammen. Atemlos liest man weiter, erfährt, in welchem Beziehungsnetz sich die Figuren befinden und wie alles auf gewisse Weise zusammen hängt. Das macht nicht nur sprachlos beim lesen, sondern beeindruckt.

Sprachlich bewegt sich „Finkenmoor“ auf hohem Niveau. Mir sind auch nur zwei wirkliche Ausrutscher aufgefallen, über die man auch hinweglesen kann. Bei der Vielzahl wirklich schlechter Krimis, die ich mir vergangenen Jahr angetan habe, empfand ich „Finkenmoor“ als Balsam für meine geplagte Seele. Um nicht falsch verstanden zu werden sei gesagt, dass sich dies auf die Sprache und den gekonnt aufgebauten Plot bezieht. Die Thematik selber ist zutiefst erschütternd. Angelowski setzt geschickt Elemente des Briefromans ein, um den Täter sprechen zu lassen. Auch das muss man in der Form erstmal können.

Bei dem ganzen Licht gibt es nur etwa Schatten. Der fällt aber ausgerechnet auf die ersten, entscheidenden Sätze. Wäre ich am vergangene Freitag nicht auf der Krimi-Lesung im Bestattungshaus Ditscheid gewesen – ich hätte mir das Buch nicht gekauft. Der Klappentext würde mir im Buchhandel eine Thematik signalisieren, mit der ich mich als Leser eher nicht beschäftige. Viel ausschlaggebender sind die ersten Sätze, mit denen der Krimi beginnt (Angelowski verzichte auf einen Prolog, was ich persönlich begrüßenswert finde). Der berühmte narrative Haken fehlt. Es plätschert eher als das Spannung aufkommt, die zum weiterlesen animiert. Dabei gibt es bereits auf den ersten Seiten starke, wirklich starke Sätze:

Seine Mutter konnte anwesend sein, auch wenn sie Kilometer entfernt war.
aus: „Finkenmoor“ von Myriane Angelowski

Auf solchen Sätzen kann man als Leser lange kauen. Als Krimi-Autor hofft man, irgendwann selber so einen Satz zu Papier zu bekommen. Das Buch von Angelowski im Koffer auf der einsamen Insel wäre nicht nur reine Lektüre, sondern auch ein Beispiel dafür, wie ein gut geschriebener Roman aussehen kann.

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