Tagebuch eines Krimilesers, Teil V

Als Krimi-Leser hat man das Grundrecht auf vollständige Aufklärung, auch wenn dies bisher nirgendwo festgeschrieben wurde. Zu viele offene Fragen am Ende sind nicht nur unbefriedigend, sondern hinterlassen auch den Beigeschmack, der Autor habe seinen Plot nicht im Griff gehabt.

Ein Ende ist wenig gelungen, wenn die Motive des Antagonisten im Halbdunklen bleiben oder wenn der Gegenspieler erst am Schluss wie ein Kaninchen aus dem Hut gezogen wird. Die Motive der Figuren sollten nicht nur offen gelegt werden, sondern auch nachvollziehbar sein. Auch hier das berühmte „show, don`t tell“. Wenn wichtige Nebenfiguren durch ihr Handeln zur Aufklärung oder Rettung beitragen, hat der Leser auch ein Anrecht darauf zu erfahren, warum die entsprechende Figur so gehandelt hat. Vor allem dann, wenn die Figur ein Handlanger des Protagonisten war. Ein „Das ist halt so“ ist selbst in der Kindererziehung mittlerweile zum Glück überholt.

Der Kleiderschrank mit dem 45er in der Hand zwinkerte Richard zu.
„Nun hauen sie schon ab. Ich hab zu Hause auch Familie.“

Selbst eine bis zum Ende gute Handlung kann dem Leser sauer aufstoßen, wenn das Ende nicht befriedigt. Entwicklungssprünge bei den Figuren sind auch zu vermeiden. Wenn sich der Protagonist anders als vorher verhält, muss es eine sichtbare Entwicklung gegeben haben.Klischees sind der K.O.-Schlag für das Ende.

Martin hätte es sich denken können. Wenn man als Landtagsabgeordneter schon Gärtner hieß, war man nicht nur korrupt, sondern auch noch der Mörder.

Selbstverständlich darf es auch noch offene Fragen oder Punkte geben, die über die Handlung hinaus gehen und unbeantwortet bleiben (was sich gerade bei einem Krimi mit nachfolgenden Büchern anbietet). Ein Ende wie im Märchen „und sie lebten glücklich…“ erwartet auch kein Leser. Was sich andeutet als Entwicklung am Ende, sollte aber ausschließlich die Figuren betreffen. Abgesehen vom Antagonisten bzw. Mörder, denn dieser muss entweder seiner Strafe zugeführt werden oder für immer entkommen – zumindest dann, wenn der Krimi für sich selber stehen soll.

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