Mehrperspektivisches Erzählen

Einmal sensibilisiert für das Thema Perspektive achtet man nicht nur beim schreiben sondern auch beim lesen darauf. Beobachtet, welche Wirkung eine Perspektive auf die Handlung hat oder eben nicht hat.

Der Krimi, den ich derzeit lese und der aus Gründen nicht genannt werden möchte, ist auf genau eine Perspektive beschränkt. Beschränkt ist hier genau die richtige Bezeichnung, denn die gesamte Handlung wird aus Personalen Perspektive einer Figur erzählt. Leider auch noch so, dass man über die Gefühl und Gedanken der Person wenig bis gar nichts erfährt. Der Protagonist bleibt dadurch blass. Die durchaus vorhanden Spannung wird lediglich dadurch erzielt, dass man als Leser genau so wie der Protagonist im Dunkeln tappt. Warum der Täter so handelt wie er handelt, erfährt man hoffentlich im weiteren Verlauf – allerdings eben nicht aus der Sicht des Antagonisten.

Dieses Art des linearen Erzählens lässt sich leichter schreiben, tendiert aber zur Monotonie, gerade wenn es sich um Genre-Literatur handelt. Mit einem weiteren point of view könnte der Autor dem Leser zeigen, was den Antagonisten antreibt. Warum er so handelt wie er handelt. Aus diesem Grund habe ich in meinen bisherigen NaNoWriMo-Krimis immer mit mehreren Perspektiven die Handlung weiter voran getrieben. Von Szene zu Szene wechselt der point of view, am Ende einer Szene gibt es nach Möglichkeit einen Cliffhanger.

Mehrperspektivisches Erzählen ist keine besonders neuer Art des Erzählens, sondern gab es bereits bei Homer (auch wenn ihm die Personale Perspektive in der heutigen Form noch unbekannt war). Perspektive ist der Standpunkt, von dem ein Geschehen betrachtet wird (vgl. Duden). Der Vorteil ist offensichtlich. Durch einen andere Perspektive sieht der Leser andere Standpunkte der handelnden Figuren.

Stundenlang stand Max in der Küche. Für Lena nur das Beste, selbstverständlich selber gekocht. Vielleicht bekomme ich so auch ins Bett, dachte Max. Liebe geht durch den Magen, wie der Volksmund sagt. Schnell zog er noch die Schürze aus und brachte den Teller ins Wohnzimmer zu Lena. Die schüttelte sich, als Max den Teller vor ihr abstellte. Seine gute Laune verflog.

Lena wartet geduldig auf Max, der schon vor einiger Zeit in der Küche verschwunden war. Sie hatte sich den Abend wirklich anders vorgestellt. Aus Höflichkeit hatte sie sich an der Tür ihre Schuhe ausgezogen. Mittlerweile bereute sie es. Nicht mal ein paar dicke Socken hatte sie dabei. Die eisige Kälte des Bodens kroch an ihr hoch.

Durch die zwei Passagen erfährt der Leser, dass sich Lena nicht aus Ekel vor dem Essen schüttelt, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit weil ihr kalt ist. Werden die beiden Perspektiven weiter geführt, erhält der Leser einen Informationsvorsprung gegenüber den Figuren. Max versteht Lena falsch, ist beleidigt und geht wieder in die Küche. Lena fühlt sich von Max ruppiger Reaktion abgestoßen usw. – Spannung entsteht hier, weil man sich fragt, wie die Figuren ihren Konflikt lösen.

Zufrieden rieb sich Timo die Händen. Auch im Heizungskeller nahm die Temperatur kontinuierlich ab. Das Date in Wohnung hatte er seinem Mieter mit Sicherheit gründlich versaut.

Durch eine weitere Perspektive erfährt man jetzt, warum es in der Wohnung überhaupt kalt ist. Zudem wird die Frage aufgeworfen, warum Timo das getan hat. Drei Figuren, drei Perspektiven und jede Menge Möglichkeiten für Missverständnisse und Konflikte. Um das lediglich aus einer Perspektive zu erzählen, müsste der Autor wesentlich mehr erklären. Zusätzlich besteht dabei die Gefahr, dass Figuren ihre Reden oder Gedanken an den Leser richten, statt im Kontext der Handlung zu bleiben.

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