Tanz der Nebenfiguren

Als bekennender Plotter der die gesamten Handlung im Vorfeld des NaNoWriMo plant wird man bei Schreibtreffen mitunter mit großen Augen angesehen. Die Mehrheit, zumindest scheint es mir häufig so, schreibt mehr oder minder einfach drauflos.
Aus Sicht der Nichtplotter sprechen gleich mehrere Gründe gegen die vorherige Ausarbeitung des Plots. Man sei später beim schreiben zu sehr eingeengt, es nehme dem ganzen Vorgang die Spannung, da man ja selber das Ende des Romans schon im Vorfeld kennen würde und noch so einiges mehr. Aus meiner Sicht gibt es Vorurteile, aber auch Missverständnisse in Bezug auf das Plotten.

Die Vorbereitung dient nicht dazu, sich selber als Autor einzuengen, sondern sich ein stützendes Gerüst zu schaffen. Trotz fertiger Inhaltsangabe für meine einzelnen Kapitel habe ich noch genügend Freiheiten. Durch die Vorbereitung weiss ich, welchen Stellenwert das jeweilige Kapitel in der Handlung hat und welches Ziel ich damit verfolge. Die handelnden Hauptfiguren und der Point of view liegen fest. Auch inhaltlich weiss ich grob, was von Anfang des Kapitels bis zum Ende passieren muss. Der Rest entsteht dann aber beim schreiben spontan. Natürlich ergibt sich häufig vieles aus den Vorüberlegungen. Es bleibt aber immer noch Raum für neue Ideen. Nebenfiguren, die ich zum Zeitpunkt des Plottens nicht mal ansatzweise kannte tauchen plötzlich auf. So treffen in einer Szene zwei meiner ermittelnden Polizisten nicht alleine auf den Zeugen, sondern der wohnt zusammen mit seiner Schwester und eine Baby in einer Neubausiedlung. Zwischen der Schwester und dem Kriminalkommissar entsteht ein Dialog, der auch vor nicht geplant war.

Überhaupt die Dialoge. Dafür habe ich fast nie einen Masterplan. Sie ergeben sich aus der Handlung heraus. Wenn eine weitere Hauptfigur an einem Sonntag zum Vorgesetzten zitiert wird, weiss ich zwar im Vorfeld, was am Ende des Gespräches klar sein muss, aber wie ich dorthin komme, bleibt mir beim unmittelbaren schreiben überlassen.

Durch das Plotten habe ich lediglich von der ersten bis zur letzten Zeile eine roten Pfaden, der mich durch das Labyrinth der Wörter führt. Nicht mehr aber auch nicht weniger. Die Freiheit besteht in der Möglichkeit zur Variation. So weiß ich, dass der Leiter des Jugendamtes als Halter des Tatfahrzeuges vernommen werden soll. Fest steht auch, dass er sich wenig kooperativ gegenüber den Beamten zeigt und anführen wird, dass er noch keine offizielle Ladung zu einer Vernehmung bekommen hat. Die beiden Kriminalbeamten müssen daher unverrichteter Dinge wieder abziehen, informieren dann aber den Staatsanwalt, um das ganze über den offiziellen Weg laufen zu lassen.

Die entsprechende Szene dazu habe ich gestern Abend geschrieben. Wo die Befragung des Jugendamtsleiters stattfinden würde, stand bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Es hätte in seinem Büro sein können. Oder die Polizisten hätten ihn auf dem Parkplatz abfangen können. Nach einer Sitzung im Stadtrat usw. Jeder Handlungsort würde der Szene eine andere Hintergrundmusik geben, andere Ereignisse könnten auftauchen, die aber für das Ende der Szene keine Bedeutung haben. Sie dienen lediglich der Atmosphäre. Ich habe die Polizisten dann zur Privatwohnung des Jugendamtsleiters geschickt. Meine weibliche Hauptfigur, eine junge Kriminalbeamtin, begegnet vor dem Haus einem der fünf Kinder, welches sich an ihrer Hose Kreide verschmierte Hände abputzt. Nur ein Detail. Genauso wie die Bilder des Vaters und seiner Kinder an der Küchentür. Die Mutter ist nirgends zu sehen.

Am Ende der Szene war ich genau da, wo ich hin wollte. Auf einen Tanz mit Nebenfiguren lasse ich mich jederzeit gerne wieder ein.

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