Beton im Blut

Das Motto der in wenigen Tagen beginnenden Karnevalssaison in Köln lautet „Fastelovend im Blut – he un am Zockerhut“. Über die Art dieser Drohung kann man sicherlich streiten. Fakt ist jedoch, dass der Kölner etwas ganz andere im Blut hat. Nicht Karneval, sondern Beton.

Der Vorplatz des Bahnhofs in Köln-Deutz, gemeinhin auch als Ottoplatz bekannt, soll umgebaut werden. Der Laie horcht bei so was erstmal auf, erhofft sich eine Verbesserung. Wenn der Laie allerdings schon ein paar Jahre in Köln wohnt, horcht er auch auf, aber auf Verbesserungen hofft er eher weniger. Im Gegenteil, er befürchtet das Schlimmste. Erfahrung mit anderen Großbaustellen haben ihn bereits nach kurzer Zeit konditioniert. Hört man „Großbaustelle“ in Köln, schwellen direkt die Halsschlagadern an. Gelassenheit zeigt nur der, der entweder längst alle Hoffnung hat fahren lassen und treu katholisch auf das Paradies wartet oder aber wenn der Grad Abgestumpftheit die Formeln „Et es wie et es!“ und „Et kütt wie et kütt!“ um den Faktor 127,5 übersteigt.

Wegweisende Stadtplanung in Köln besteht offenkundig darin, Hässlichkeit in Beton zu gießen und das Ergebnis auch noch für eine Verbesserung zu halten.

Die Beschreibung der Umgestaltung ist dabei ordentlich mit Euphemismen gespickt:

Ein langes, skulptural geformtes Sitzmöbel bildet den künftigen Blickfang der als Aufenthaltsinsel für Reisende, Passantinnen und Passanten dienenden Platzfläche.Nach dem Umbau werden nur Taxen, Lieferantinnen, Lieferanten, Anwohnerinnen und Anwohner am Bahnhof vorfahren können. Für den Individualverkehr wird im Auenweg eine Kiss-and-Ride-Zone geschaffen.
Quell: Stadt Köln

Wer sich das Bild dazu ansieht, stellt sich schon mal die Frage, über welche zwei Formen der Wahrnehmung hier gesprochen wird.
Nur sehr wenige Reisende und Passanten dürften Lust verspüren, sich auf einer langen Betonbank nieder zu lassen um kräftig die Abgase der vorbeifahrenden Fahrzeuge zu inhalieren. Wo es jetzt noch zumindest etwas grün ist, sollen künftig Beton und Steine zum Verweilen einladen. Man muss sich schon sehr bemühen, um solche Gedankengänge nachvollziehen zu können. Auch wenn Natursteinpflaster verwendet wird. Besonders grün oder natürlich wird der Umbau dadurch nicht.

Mindestens vier Millionen wird die Stadt Köln sich die Verschandlung des Ottoplatzes kosten lassen. Nach den bisherigen Erfahrung wird die Zahl, sobald das Bauprojekt begonnen wurde, mit Sicherheit nach oben korrigiert. Ausgehen darf man auch leider davon, dass spätestens zwei Jahre nach der Fertigstellung das Pflaster ausgewechselt werden muss, da ein Großteil der Natursteine sich gelockert hat. Die Kölner Patentlösung in solchen Fällen: Beton oder Asphalt darüber. So was konserviert und künftige Archäologen wird es freuen.

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