Spuren von Angst

Wenn ein Montag mit gutem Wetter und guter Laune beginnt, sollte man eigentlich misstrauisch werden. War ich aber nicht, denn dann wäre ich vermutlich vorsichtiger gewesen.

Bis Essen verlief alles wie gewohnt. Beim Aussteigen aus dem ICE wurde ich von einer milden Herbstluft begrüßt. „Das ist mein Tag“, da war ich mir sicher. Selten lag ich so falsch. Die Treppen runter zu U-Bahn, dann auf dem Bahnsteig bis ganz nach vorne, da sich bei der U 11 immer alles im hinteren Zugteil knubellt. Auf dem Weg dorthin rempelte ich einen Mann an, der im Zickzack so lief, dass ich keine andere Wahl hatte – außer vielleicht ins Gleisbett zu springen. Der rief mir noch im normalen Tonfall ein ‚Hallo‘ hinterher. obwohl er es war, der sich falsch verhalten hatte. Für mich war die Sache damit erledigt. Bei so was drehe ich mich nicht um und fange an zu diskutieren.

Noch zwei Minuten bis zum eintreffen der Bahn. In aller Seelenruhe kommt der Mann von eben den Bahnsteig auf mich zu und baut sich vor mir auf. Seine gesamte Ungepflegtheit, von der schmierigen Brille bis hin zum dicken Bauch stehen vor mir. Ohne was zu sagen, knufft er mich an den Arm.

Du hast mich von hinten angerempelt.

Mein Einwand, dass das eine leicht verzerrte und verkürzte Darstellung der tatsächlichen Gegebenheiten sei, wird mit einem erneuten Knuffen und dem Kommentar

Und, was willst’e jetzt machen? Soll ich die Brille abnehmen?

beantwortet.

Im Nachhinein staune ich immer noch über mich selber, mit welcher Ruhe ich mich zur Seite wandte und einen neben mir stehenden Passanten, der gerade einsteigen wollte mit den Worten „Können Sie mir bitte helfen?“ angesprochen haben. Das dieser Mitmensch ohne viel zu fragen sich zwischen den Mann und mich stellte, war wirklich klasse. Er versuchte den Mann zu beruhigen, der dann in die Bann einstieg. Eigentlich genau die Bahn, auf die ich auch gewartet hatte. Ich hielt es für besser, erst die nächste zu nehmen.

Damit wäre der Vorfall zu Ende gewesen, wenn der Rüpel nicht noch an der geschlossenen Tür gestanden und eine Geste in meine Richtung gemacht hätte, bei dem es wohl wirklich jedem eiskalt über den Rücken gelaufen wäre. Der Mann lächelt mich boshaft an und zog seinen Zeigefinger quer über die Kehle. Für den Rest des Tages war ich dann bedient.

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