Typisch Schweiz

Nehmen wir mal an, jemand mit deutscher Staatsangehörigkeit würde auf die Idee kommen, die schweizer Fahne als Toilettenpapier zu verwenden und von dieser Aktion ein Foto machen. Nach einer anschließenden Veröffentlichung dieses Fotos im Internet bräche ein Sturm der Empörung aus. Überall auf der Welt würden Schweizer deutsche Botschaften stürmen, Fahnen verbrennen und Deutsche auf den Straßen verprügeln. Die Bundesregierung sähe sich dazu veranlasst, in einer offiziellen Stellungnahme förmlich um Entschuldigung für das Foto zu bitten.



Wir wissen alle, wie empfindlich Schweizer sind, wenn es um ihre Fahne geht. Eine solch dumme Tat, bei der Unfug mit der Fahne getrieben wird, lässt sich nicht entschuldigen. Die Empörung der Schweizer ist daher verständlich. Stop. Das alles ist selbstverständlich rein hypothetisch. Wie sich die Schweizer tatsächlich in so einem Fall verhalten, lässt sich schwer einschätzen. Ein Sturm auf deutsche Botschaften, bei der es Tote und Verletzte gibt, ist eher unwahrscheinlich. Dem ganzen Szenario hafte auch etwas völlig irrationales an. Leider ist das Beispiel zwar aus der Luft gegriffen, hat aber einen realen Bezug.

Der Film eines amerikanischen Staatsbürgers hat Ende der Woche für Übergriffe auf amerikanische Botschaften weltweit geführt. In dem Film sei angeblich Mohamed und der Islam beleidigt worden. Das der Film schlecht gemacht ist, sei nur am Rande erwähnt, da es völlig unerheblich ist. Kurz gesagt geht es im Film unter anderem um Gewalt an Christen, verübt durch muslimische Fanatiker. Man kann sich über den Film aufregen, aber auf der anderen Seite ist auch nicht bekannt, dass italienische Katholiken England angegriffen haben, weil das „Leben des Brian“ ihren Glauben beleidigte. Es ist einfach nur ein Film. Auf gar keinen Fall die Meinung der US-amerikanischen Regierung oder etwas, hinter dem auch nur eine staatliche Institution steht. Ausschreitungen gegen Botschaften sind daher vor allem eins: maßlos dumm.

Die Wenigsten derer, die sich über den Film empören, haben ihn vermutlich weder verstanden noch gesehen. Es reicht einfach aus, wenn andere für sie denken und sie zur Gewalt aufstacheln. Im Kölner Stadt-Anzeiger vom Freitag vertat Burkhard von Pappenheim die Meinung:

Die Empörung unter gläubigen Muslimen ist verständlich, die Gewaltausbrüche sind es nicht.

Genau das geht mir schon viel zu weit. Selbst für die Empörung fehlt mir jegliches Verständnis. Sie ist geradezu kindisch. Erwachsene Menschen sollten in der Lage sein, über solchen Dingen zu stehen. Es lässt sich auch wunderbar mit dem Glauben selber argumentieren. Ob Allah, Jehova oder wie die gläubigen Menschen einer monotheistischen Religion (von denen ich auch einer bin) ihre höhere Wesenheit auch nennen, sie sollte über solche Filme erhaben sein. Gott lässt sich nicht durch so einen Film beleidigen, erst recht nicht, wenn er von einem Menschen gemacht wurde. Es ist geradezu lächerlich in diesem Zusammenhang von Gotteslästerung zu sprechen. Sollte sich Allah tatsächlich beleidigt fühlen, wird er höchstselbst dafür sorgen, dass den Filmemacher der Blitz trifft oder ein anderes Schicksal ereilt. Wir können Allah, Gott oder was auch immer nicht mit unserem kleinen bescheidenen Verstand messen. Wer es für nötig hält, seinen Gott mit Gewalt gegen Beleidigungen verteidigen zu müssen, kann einem nur leid tun. Allah ist nicht schwach, er wird sich selbst verteidigen. Wie alle anderen Götter, an die Menschen glauben, vermutlich auch. Ist man vom Gegenteil überzeugt, hält man seinen Gott für schwach.

Genug aber vom religiösen Diskurs, ehedem ein heikles Terrain. Vor Augen führen sollte man sich noch, dass ein Staat nicht für die Meinung seiner Bürger haftet. Insbesondere dann, wenn in diesem Staat das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt. Wirklich jeder sollte sich bewusst machen, welches Spiel derzeit gespielt wird. Da gibt es auf der einen Seite diesen merkwürdigen Filmemacher, der genau weiss, welche Knöpfe er drücken muss, um zu provozieren. Und auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die diese Provokation dankbar aufgreifen, um für ihre Zwecke Gewalt und Hass zu sähen unter den Menschen. Der Film selber ist nicht böse, wohl aber das, was aus ihm gemacht wurde.

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