Jenseits von irgendwas

Wenn eine Person ihr Buch „Jenseits des Protokolls“ nennt, sollte ein Blog, der „Jenseits des Wahnsinns“ heißt, allein schon auf Grund der namentlichen Parallelen Stellung nehmen zum Thema. Womit selbstverständlich nicht Bettina Wulff auch nur in die Nähe des Wahnsinns gerückt werden soll. Wahnsinn allerdings ist, welcher Form die Auseinandersetzung rund um das Buch bereits angenommen hat.

Rein inhaltlich sollte man denen das Feld überlassen, die das Buch vollständig gelesen haben. Der Autor dieser Zeilen gehört zum jetzigen Zeitpunkt nicht dazu und wäre auch nur gegen einen größeren Geldbetrag bereit, „Jenseits des Protokolls“ in die Hand zu nehmen. Was aber nicht an den Rezensionen bei amazon liegt, obwohl genau diese Anlass sind, die Causa Wulff noch mal aufzugreifen. Nach dem Christian Wulff mehr oder weniger unfreiwillig die politische Bühne verlassen hatte, war das Thema im Grunde genommen erledigt bzw. nur noch ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Was seine Frau angeht ebenfalls. In den letzten Monaten sind weder sie noch ihr Mann in den Medien aufgetaucht. Dabei hätte es auch bleiben können. Unabhängig was sonst noch an Gerüchten oder Aussagen mit eher zweifelhaftem Wahrheitsgehalt gerade auch im Internet kursierte, spätestens Ende des Jahres wäre längst Gras über die Sache gewachsen.

Frau Wulff wollte das jedoch nicht auf sich beruhen lassen. Insbesondere Behauptungen über ihre Vergangenheit haben sie anscheinend tief getroffen – mitunter lässt sich das sogar nachvollziehen. Ihre Rolle als Frau an der Seite eines Bundespräsidenten hat sie sich ausgesucht und entsprechend ausgefüllt. Dazu wurde sie nicht gezwungen und eine bestimmtes Rollenmuster wurde auch nicht vor ihr erwartet. In der Gesellschaft, in der wir leben, kann der Partner oder die Partnerin eines Politikers durchaus ein Leben jenseits des politischen Betriebs führen. Gute Beispiele dafür sind Joachim Sauer, Michael Mronz und Daniela Schadt. Sie gehören jeweils zu Angela Merkel, Guido Westerwelle und Joachim Gauck. Es ist davon auszugehen, dass sie sich ein Leben jenseits des Protokolls nicht nur eingerichtet haben, sondern ihren Berufen auch aktiv nachgehen. Wenn es also Anlass für Bettina Wulff gibt, sich über ihr Schicksal zu beklagen, dann ist es ohne Zweifel ein Schicksal, welches sie sich nicht nur selber ausgesucht hat, sondern in dem sie sich bisher auch gut eingerichtet hatte – zumindest solange ihr Mann im Rampenlicht stand.

Darum soll es aber nicht primär gehen, denn die Beziehung von Bettina Wulff zu ihrem Mann gehen nur wenige Menschen etwas an – das Ehepaar selber und ihre Kinder. Frau Wulff hat, wiederum selbstständig, nun einen anderen Weg der Kommunikation gesucht. Über ein Buch ist sie gezielt an die Öffentlichkeit gegangen. Wer solcherlei tut, muss mit Gegenwind rechnen. An dieser Stelle gibt es jetzt das große Aber. Sachlich Kritik ist das Eine. Häme, Schmähkritik und Schläge unter die Gürtellinie decken sich nur noch sehr eingeschränkt mit dem, was wir unter einem fairen Umgang miteinander verstehen. Vielleicht empfinden es einige nicht nur so, dass sich Frau Wulff falsch verhalten hat, sondern es entspräche teilweise sogar der Wahrheit. Ein Recht zur Selbstjustiz ließe sich dennoch nicht daraus ableiten. Es wäre so, als ob ein Autofahrer absichtlich Gas gibt, um den bei Rot über die Ampel gehenden Fußgänger zu überfahren. Niemand wird auf Grund eines möglichen Fehlverhaltens vogelfrei.

Die Rezensionen bei amazon zum Buch von Bettina Wulff sind ebenso wie die dort vergebenen Schlagwörter ein Armutszeugnis. Nicht für Frau Wulff, sondern für die, die sie verfasst haben. Hier ist jegliches Gefühl für Anstand abhanden gekommen. Das lässt sich nicht rechtfertigen. Jeder der dort gewütet hat trägt dazu bei, unserer Gesellschaft ein Stück an Lebensqualität zu rauben. Der Umgang miteinander hat einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Wer das anders sieht, sollte sich mal für einen Moment in die Lage von Bettina Wulff versetzen. Sollte sich vorstellen, was die Kommentare in ihr auslösen. Empathie nennt man die Fähigkeit, sich in andere hineinversetzen zu können. Etwas was leider viel zu häufig verloren gegangen ist.

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