Wenn die Zeit anhält

Wenn die Zeit anhält

Zeit kann man weder anhalten noch aufhalten. Sie vergeht immer in der gleichen Geschwindigkeit, auch wenn einem das nicht immer gefällt. Subjektiv empfindet man das manchmal anders. Das hängt aber nicht mit der Zeit oder dem Lebensalter, wie viele irrtümlich glauben, zusammen, sondern mit der Anzahl der intensiven Momente. Wäre ein Thema für sich, passt aber an dieser Stelle nicht ganz, denn es soll um stehengebliebene Zeit gehen.

Dabei bleibt Zeit nicht stehen, wohl aber die Geräte um ihr Vergehen anzuzeigen. Vorzugsweise Uhren neigen dazu, irgendwann völlig erschöpft innezuhalten. Je nach Modell und vor längerem bezahlten Preis hat man dann entweder vergessen, sie aufzuziehen, sie am Handgelenk zu tragen oder aber es ist einfach nur die Batterie leer. Genau das ist mir passiert. Es hat ein wenig gedauert, bis mir eine Unstimmigkeit im Zeitempfinden deutlich wurde. Unmöglich konnte es immer noch halb neun sein. Wie lange ich für bestimmte Tätigkeiten brauche, weiss ich in etwa. Und ziemlich genau beim Zähneputzen oder Tee aufbrühen, dank Timer.

Ein Blick auf den Sekundenzeiger, der sich nicht mehr bewegte, machte mir klar, wo das Problem lag. Bei den meisten auf eine Batterie angewiesenen Uhren ist man als Besitzer dieser Uhr hilflos. Man selber kann die Batterie nicht wechseln, muss also zu einem Uhrmacher oder anderem Dienstleister. Neben der Batterie zahlt man dann unter Umständen auch noch das Wechseln. Das habe ich heute noch vor mir. In der Zwischenzeit gehen mir allerdings ein paar Dinge zum Thema Zeit und Uhr durch den Kopf. Vor allem die für mich spannende Frage, ob ich überhaupt noch eine Uhr benötige.

Die Armbanduhr erfüllt neben ihrer eigentlichen Funktion noch einen anderen Zweck. Sie ist Ausdruck der Persönlichkeit ihres Trägers und auch ein deutliches Statussymbol. Ein Blick auf die Uhr verrät nicht nur die Zeit, sondern auch viel über den Träger der Uhr. Nicht immer möchte man so viel über sich offenbaren. Keine Uhr am Handgelenk zu haben, ist auch eine eindeutige Aussage.

Zu Hause und auch sehr oft im Büro nehme ich die Uhr vom Handgelenk und lege sie vor den Monitor. Nicht nur, weil der Computer auch die Zeit anzeigen kann, sondern einfach weil ich das Gefühl am Arm nicht mag. Die Uhr fesselt. Ich muss auch nicht ständig auf die Uhr schauen, gerade zu Hause genieße ich es, mein Leben nicht nach einem Takt auszurichten – auch wenn ich immer viel im Kalender stehen habe. Der ständige Blick auf die Uhr hat bei vielen von uns schon was manisches. Sich von der Uhr und damit ein Stück weit von der Zeit zu befreien, gibt uns Freiheiten zurück. Trägt man die Uhr am Handgelenk, nimmt man die Zeit ständig wahr. Der Blick auf die Uhr geschieht so automatisch, dass uns die Handlung selber nicht mehr bewusst ist.

Neben diesem Aspekt gibt es noch etwas anderes. Bei der Vielzahl an Geräten, die uns umgeben, erscheint eine Uhr am Handgelenk ein Stück weit überflüssig, um nicht zu sagen anachronistisch. Auch ohne Uhr am Körper kann man durchaus pünktlich sein. Nicht zu letzt auch deshalb, weil nahezu jedes Mobiltelefon (und Smartphone) die Uhrzeit anzeigt. Allerdings werden die Wenigsten ihr Telefon am Arm tragen. Es wird aus irgendeiner Tasche herausgeholt, wenn man mangels Alternative wissen will, wie spät es ist. Diese Bewegung dabei geschieht deutlich bewusster als der Blick auf die Armbanduhr (und hoffentlich seltener). Das erinnert dabei an die gute alte Taschenuhr. Die hatte man auch nicht ständig im Blick, sondern zog sie hervor, um sich nach der Uhrzeit zu erkundigen. Auch eine bewusste Geste, die schon fast etwas rituelles hatte. Meine Frage, ob ich noch ein Armbanduhr benötige, klärt das jedoch nicht. Und mit der ganzen Überlegung habe ich vielleicht schon viel zu viel Zeit verschwendet. Genau das aber gönne ich mir.

2 Replies to “Wenn die Zeit anhält”

  1. Seit ca 30 Jahren trage ich meine Armbanduhr nicht mehr. Auch bei mir ist der Griff zur „Handy-Uhr“ immer ein bewusster, und da meine Handy-Gürteltasche etwas defekt ist, überlege ich mir zweimal, ob ich auf die „Uhr“ sehe.
    Ich glaube, inzwischen ein sehr gutes Zeitgefühl entwickelt zu haben, sodass ich die aktuelle Uhrzeit recht gut schätzen kann.
    Und noch ein Wort zum Automatismus: Bei meiner Arbeit in einer Fabrik ist mir irgendwann mal bewusst geworden, wie oft am Tag ich völlig automatisch auf die Uhr gesehen habe. Leider ging so die Zeit unglaublich langsam vorbei, weil sie so präsent war. Ich habe mich dann gezwungen, nicht auf die Uhr zu sehen (was nicht leicht war und manchmal durch einen unbewussten Blick in die Hose ging). Das Ergebnis war, dass ich so manches mal vom Pausensignal überrascht worden bin :-)

    Ich halte es nicht für gut, wenn die Uhrzeit einen so minutiös bestimmt. Einen Tipp für Menschen, die beruflich viele eng gelegte Termine haben, habe ich aber leider nicht :-(

    1. Genau das. Je präsenter die Uhr ist, desto langsamer vergeht subjektiv die Zeit. Außer natürlich bei wichtigen Sachen, die man in dringend erledigen muss…

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren