Kein Recht auf Rache

In Belgien wird in diesen Tagen Michèle Martin, die Ex-Frau des verurteilten Kinderschänders Dutroux, nach 16 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen. Sie will, so wird berichtet, künftig im Klarissenkloster Malonne leben.

Sowohl gegen die Freilassung als auch ihre Aufnahme in das Kloster in der Nähe der belgischen Stadt Namur hat es heftige Proteste gegeben. Aus Sicht der Überlebenden sowie der Angehörigen ist der Wiederstand gegen die Freilassung verständlich. Auch wenn man selber spontan dazu neigen würde, sowohl Dutroux als auch Martin wirklich lebenslänglich einzusperren, muss man dennoch bereit sein, diesen Standpunkt zu hinterfragen, denn es steht viel auf dem Spiel.

Im Kern geht es um die Frage, welches Rechtssystem eine Gesellschaft haben will und welchem Zweck eine Verurteilung dienen soll. Erziehung, Bestrafung, Rache, Abschreckung – diese drei Möglichkeiten gibt es, wobei sie zum Teil auch gemischt auftreten. Die in einigen Ländern noch praktizierte Todesstrafe steht einzig und allein für Rache. Mit ihr lässt sich weder der Delinquent erziehen noch schreckt sie potentielle Verbrecher ab, wie immer wieder beweisen wurde. Eine Verurteilten lebenslänglich weg zusperren ist letztendlich nichts andere als eine Todesstrafe auf Raten – auch diese Meinung gibt es. Neutral betrachtet ist eine echte lebenslängliche Gefängnisstrafe auf jeden Fall getragen vom Gedanken der Rache. Der Täter soll büßen bis zum Ende seiner Tage.

Für die Ordensschwestern von Malonne ist Gnade nicht nur ein abstrakter christlicher Wert, sondern sie versuchen ihn auch zu leben. Dazu gehört dann in letzter Konsequenz auch die Aufnahme von Michèle Martin. Leicht habe sich die Schwestern ihre Entscheidung nicht gemacht. Es wurde intensive diskutiert. Der Standpunkt, zu dem sie sich durchgerungen haben, ist bewundernswert. Gnade auch für einen Menschen, dem von allen Seiten nur noch Verachtung entgegenschlägt.

Der Umgang mit Straftätern ist Spiegel einer Gesellschaft. Statistiken über Rückfallquoten sind immer mit Vorsicht zu betrachten. Verschieden Aspekte spielen eine Rolle, vor allem auch, wie der Täter seine Zeit im Gefängnis unter welchen Umständen verbracht hat. Wer sich nicht unter Anleitung mit den Folgen seiner Tat auseinandersetzen musste, wer nur verwahrt wird und ein Milieu von Gewalt in der Gefangenschaft erlebt hat, der wird mit Sicherheit nicht zu einem besseren Menschen werden – einfach weil ihm nicht die Chance dazu gegeben wurde. Das soll keine Entschuldigung für neue Straftaten sein, wohl aber zum nachdenken anregen. Missstände in Gefängnissen gibt es auch in Deutschland, wie vor zwei Wochen in der ZEIT zu lesen war. Ein Viertel der Gefangenen wird zu einem Opfer physischer Gewalt.

Noch mal zurück zu Michèle Martin. Eine Alternative zu ihrer Freilassung ist durchaus vorstellbar. Ob sie sinnvoll ist, ist eine andere Sache. Beantworten kann man diese Frage nicht emotional aufgewühlt, sondern nur in Ruhe und um Sachlichkeit bemüht.

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