Hotel am Ende der Zeit

Jule ging runter in den Frühstücksraum. Es duftet nach Speck und Erbrochenem. Mit der Kettensäge hatte jemand seine Initialen auf dem Boden hinterlassen. Lautes Gelächter drang von draußen an ihren Ohren. Zumindest an das eine, welches noch nicht blutend in Fetzen hing. Dabei hatte sie Glück gehabt, denn der Schuss hatte sie auf diese Weise nur gestreift. Die Kugel steckte jetzt im Rahmen ihrer Zimmertür statt in ihrem Schädel. Der unbekannte Schütze blieb für sie auch dann noch unbekannt, als sie mit blutverschmierter Hand ihr Ohr hielt und die Treppe runterlief. Fast wäre sie gestolpert über eine Frau Ende vierzig, die in unnatürlicher Position verrenkt über die letzten Stufen der Treppe lag. Und jetzt der Frühstücksraum. Kein schöner Anblick. Der Appetit war ihr gründlich vergangen. Noch vor wenigen Minuten hatte alles noch ruhig ausgesehen.

Etwa fünfzehn Minuten vorher. Unter der Dusche die Reste der vergangen Nacht abspülend, hing Jule ihren Gedanken nach. Sie wusste nicht mehr, was sie an diesen Ort verschlafenen Ort verschlagen hatte. Das Einzige, woran sie sich noch mit brummenden Schädel erinnern konnte, war der Portier des Hotels, in dem sie eincheckte. Da es das Einzige in der Gegend war, lohnte es sich nicht, sich über Ausstattung, Service oder sonstige Dinge, die einfach nicht vorhanden waren, zu ärgern. Es war die erste und letzte Wahl gewesen, die sie hatte. Die Einzige Wahl, vermutlich. Jule roch an ihrer Haut. Das Duschgel stammte noch aus dem letzten Jahrtausend. Die aufgedruckte Frische nur ein Werbeversprechen, welches nicht eingelöst wurde. Wahrscheinlich gab es auch für Duschgel ein Haltbarkeitsdatum. Das ihres Duschgels war dann definitiv vor einigen Jahren abgelaufen.

Als die Kopfschmerzen deutlicher durchdrangen, dafür aber der duselige Nebelschleier vor ihrem Verstand sich zu lichten begann, wünschte sie ihn sich sofort wieder zurück. In der Dusche hätten sich nicht mal Kakerlaken wohlgefühlt. Die weiteren hygienischen Zustände des Badezimmers blieben ihr im Wasserdampf verborgen. Der Spiegel blieb auch noch beschlagen, als sie nach dem Duschen die Tür öffnete. Rasch zog sich sich die Sachen von gestern Abend über, wohlwissend, dass es für diese Art der Kleidung die falsche Uhrzeit war. Kurz bevor sie die Zimmertür öffnete und eine verhängnisvolle Begegnung mit einer Kugel hatte, warf sie noch einen Blick in den Spiegel. Er war noch immer beschlagen. Jule versuchte, ihn mit der Hand frei zu wischen.

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