Leichenblass nach Lektüre 4

Die Frage, was einen verdammt guten Krimi ausmacht, beschäftigt mich seit ein paar Tagen besonders intensiv. Das liegt unter anderem an der hohen Anzahl schlechter Krimikurzgeschichten, die ich kürzlich gelesen habe.

Einfach zu beantworten ist die Frage allerdings nicht. Daher versuche ich mich der Antwort im Ausschlussverfahren zu nähern. Die Kurzbesprechungen der Texte in „Leichenblass am Niederrhein“ ist für mich dabei ein Weg. Aus meiner Sicht sind ist immer wieder ähnliche Fehler, die einem Teil der Autoren und Autorinnen unterlaufen. An erster Stelle steht dabei die Verwendung von Klischees, allen Empfehlungen in Schreibratgebern zum Trotz. Knapp auf dem zweiten Platz landen Eindimensionale Hauptfiguren vor mangelnden Ortskenntnissen. Letzteres kann ich noch verstehen, aber wenn sich ein Buch explizit auf dem Bereich der Lokalkrimis tummelt, erwarte zumindest ich mehr als nur angelesenes Wissen oder Informationen, die lediglich aus einem Kurzbesuch vor Ort entsprungen sind.

Nach wie vor verstehe ich auch nicht, warum Lokalkrimis bzw. Krimikurzgeschichten nicht anspruchsvoll erzählt werden. Dazu gehört für mich auch der Sprachstil. Die Zeiten, wo Krimis nicht über das Niveau von Groschenromanen gekommen sind, sollten doch vorbei sein. Eine andere „Sünde“ ist für mich die mangelnde Beherrschung des Handwerks. Autoren sollten ihre Geschichte souverän im Griff haben. Plotlöcher oder Widersprüche gerade im Format der Kurzgeschichte lassen sich mit etwas Mühe vermeiden. Schwierig wird es auch, wenn sich Autoren durch ihre eigenen Ambitionen ein Bein stellen. Große weltpolitische Themen in einer Krimikurzgeschichte abzuhandeln geht selten gut – in „Leichenblass am Niederrhein“ habe ich zumindest kein gelungenes Beispiel gefunden. Es ist nicht nötig, ein besonders großes Rad zu drehen. Ein Blick in die Lokalzeitung (ja genau, am besten wirklich die aus der Region, über die man schreibt), bietet genügend inspirierendes Material, falls es mal mit der eigenen Phantasie nicht so klappt. Fast vergessen hätte ich einen Punkt, den ich nach wie vor für wichtig halte: kriminalistisches Hintergrundwissen. Hier im Blog habe ich mich dazu an mehreren Stellen bereits geäußert. Wer als Krimiautor von einem Durchsuchungsbefehl oder ähnlichem Unfug schreibt, hat meiner Meinung nach das Genre verfehlt.

Kommen wir nach dem Exkurs vom Grundsätzlichen zum Konkreten. Von Gestern auf heute habe ich drei weitere Geschichten gelesen. „Das große Rennen“ von Susanne Goga muss man unabhängig davon, ob man eine Kritik dazu schreiben will oder nicht, mindestens zwei Mal lesen, denn sonst bleibt am Ende der Geschichte ein unaufgelöstes Fragezeichen. Es gibt einen, wirklich nur einen Hinweis darauf, warum Anton Helwig ermordet wurde. Hintergrund des Krimis ist eine, man könnte sagen Enteignung eines Bauern im Dritten Reich. Daraus ergibt sich dann das Mordmotiv. Warum die Rennveranstaltung stattfindet, erklärt Goga wie folgt:

Das Entsetzen im Ort war groß, aber die Untersuchung musste aufgeschoben werden. Denn das Rennen begann.

Ein Mensch ist gestorben, möglicherweise ermordet worden, aber es scheint niemanden so richtig zu interessieren. Unbefriedigend finde ich solche Geschichten.

Genauso geht es mir mit „Kaltzeit“ von Jürgen Ehlers. Ein Mord als Rache für eine versagte Promotion und den Diebstahl von geistigem Eigentum. Kann man grundsätzlich machen. Warum man aber den Leser mit Fakten erschlagen muss, bleibt dabei das Geheimnis des Autors, der wohl auch als Einziger weiß, warum er mit Sonja Frerks eine dritte Figur in die Geschichte bringt, die für die Handlung völlig irrelevant ist.

Das ich möglicherweise die Geschichte „Sheriff Driessen reitet ein“, welche Edgar Franzmann geschrieben hat, nicht besprechen werde, habe ich gestern schon angedeutet. Dabei möchte ich auch bleiben. Falls mich jemand fragen sollte, werde ich gerne darauf in nicht öffentlicher Form antworten – wo bei man das jetzt nicht als Wertung des Textes verstehen sollte. Die letzten vier Rezensionen gibt es dann morgen, nach dem Whiskey-Tasting, welches ich mir garantiert verdient habe.

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