Leichenblass nach Lektüre 2

„Hubis Heimkehr“ von Peter Godazgar ist ein motivationsloser Rundgang durch Hückelhoven mit einem Protagonisten, der in Bezug auf seine Blässe jeden Vampir ausstechen würde. Kurz zur Handlung, sofern man überhaupt davon sprechen kann. Achim Hubbert, genannt Hubi, flüchtet nach mehreren Unterschlagungen in Berlins Unterwelt in den Ort seiner Geburt, Hückelhoven. Da er länger nicht mehr dort war, schaut er sich verwundert die alte Heimat an:

Er bog in die Haagstraße ab, passierte die evangelische Kirche und das Jugendheim, erreichte die Doktor-Ruben-Straße und wandte sich nach links. Aus dem Kirmesplatz war eine Parkfläche geworden; der Supermarkt am Ende des Platzes stand leer.

Selbst in den meisten Reiseführern wäre das spannender beschrieben worden. Selbstverständlich spüren Sergej, Branko und Katsumi Hubi trotz seiner Bemühungen auf (wie sie es schaffen, ihn zu finden, verschweigt uns Godazgar). Und natürlich entkommt Hubi in letzter Sekunde, weil sich seine ehemaligen Arbeitgeber und ihre Helfer im Streit darüber, wer jetzt Anrecht auf Hubi hat, gegenseitig erschießen.

Ob ein Krimi gut, vielleicht sogar gelungen ist, darüber lässt sich streiten. Es ist eben „Ansichtssache“, auch wenn es im gleichnamigen Text von Arnold Küsters um etwas ganz anderes geht. Mehre Menschen werden in Liedberg ermordet. bei den Leichen findet man immer wieder Ansichtskarten mit ähnlichen Motiven, die am Ende auch das Motiv des Täters ergeben. Positiv hervorheben sollte man auf jeden Fall den Bogen von Anfang zum Ende, den Küster schlägt. Sein Carl Maria von Spee kann man sich gut vorstellen. Ob der Krimi realistisch ist oder nicht, spielt weniger eine Rolle, denn er wird mit einem Augenzwinkern erzählt. „Ansichtssache“ lässt sich gut lesen und bringt einem zum schmunzeln.

Bei den „Herren von Heinsberg“ der Autorin Gisa Klönne kann man leider nicht über die völlige Realitätsferne hinweggehen. Zwei ungesühnte Morde, eine Abtreibung und am Ende noch ein dritter Mord sind für den Kontext einfach zu viel. Die in der Ich-Perspektive erzählte Geschichte versucht die Spießigkeit eines Muttersöhnchens ins Lächerliche zu ziehen, die Figur maximal zu bestrafen.

Sünde! Sünde! Ich hebe den Kopf. Registriere erst jetzt die neuen Regale mit den neuen Waren.

Nach dem Warum des Verhaltens wird nicht gefragt. Eine richtige Erklärung gibt es nur für den letzten Mord. Auf sprachlicher Ebene bietet „Herren von Heinsberg“ auch nichts, was über die anscheinend übliche Schludrigkeit des Genres hinausgeht.

Jutta Profijt ist mir seit Kühlfach 4 ein Begriff. Bei ihr kann man davon ausgehen, dass sie zumindest in sprachlicher Hinsicht ihre Texte im Griff hat. Genau so ist es auch bei „Die Rente ist sicher“. Solide erzählt, mit runden Figuren. Wie bei Arnold Küsters merkt man dem Krimi von Profijt die Lust am erzählen an.

Hetti Heyers seufzte. Dieser Tonfall bedeutete nichts Gutes. Sie erhob sich mühsam, schob den Rollator aus dem Wohnzimmer durch den Flur hinüber zu dem kleinen Schlafzimmer.

Die der Handlung zu Grunde liegende Idee ist originell, für auftretende logische Probleme findet Profijt passende Lösungen. An der Geschichte gefällt besonders diese Art, Dinge zu Ende zu denken und Widersprüche aufzulösen. Für mich der zweite Text im Buch, den ich uneingeschränkt empfehlen kann.

Etwas ganz anderes würde ich dagegen Norbert Horst empfehlen, der mit „Ein armer Mann“ einen sprachlich äußerst einfältigen Text abgeliefert hat. Unter den insgesamt 4.439 Wörtern finden sich 62 mal „war“ und 27 „hatte“. Das stört nicht nur den Lesefluss, sondern ist einfach nur ungenügend.
Auf der Seite der Lektorin Vera Hesse findet sich dazu ein nützlicher Tipp:

[…]
Alle Hilfsverben wie hatte/ hätte, war/wäre, aber auch wurde/würde und konnte/könnte. Sie können sie meistens durch Verben ersetzen.

Die Beispiel darunter zeigen einem auch gleich, wie man es besser machen kann.
Das wohl Peinlichste bringt Horst im Nachgang zu seiner eigentlichen Geschichte mit dem expliziten Hinweis

Sowohl die Mitarbeiter des Museums als auch die technischen Gegebenheiten der dortigen Alarmanlage sind erfunden. […]

Ein Diebstahl wie der von ihm beschriebene sei so nicht möglich. Geschrieben wohl für die ganz dummen Leser. Ein armer Mann. Aber das war jetzt nicht die Handlung.

Sobald ich den Schock über die dargebotenen Texte einigermaßen überwunden habe, geht es weiter mit den anderen Kurzkrimis. Den ersten Teil der Rezension findet der geneigte Leser im Übrigen an dieser Stelle.

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