Ausbeutung vor der Haustür

Nach dem Bericht „Armee der Unsichtbaren“ von Günter Wallraff auf der Webseite von Zeit Online wird niemand auf die Idee kommen, die Paketzusteller würden sich einer „spätrömischen Dekadenz“ hingeben.

Das was Wallraff beschreibt, ist erschreckend, beunruhigend. Die Art und Weise, wie der dort beschriebene Konzern mit den Paketauslieferer umgeht, ist unbeschreiblich. Dem Journalisten Günter Wallraff gelingt es trotzdem, die Zustände zu beschreiben und dem Elend Gesicht und Namen zu geben. Wie schon häufiger davor legt er dabei den Finger in die Wunde, die das System billigend in Kauf nimmt. Der Alltag der Ausbeutung findet nicht irgendwo in einem Dritte-Welt-Land statt, sondern mitten in Deutschland. Während wir immer wieder auf China blicken und unseren moralischen Zeigefinger erheben, sehen wir nicht, was sich vor der eigenen Haustür abspielt.

Paketauslieferer, so wie es Wallraff beschreibt, werden von uns „nur in ihrer Funktion wahrgenommen“, dabei müssten wir ihnen Respekt und Anerkennung zollen. Menschen, die so viel und so hart arbeiten, unter nahezu unmenschlichen Bedingungen, nur um nicht auf den Staat angewiesen zu sein. Die lieber arbeiten, als Sozialhilfe zu beziehen. Als Dank erhalten sie – nichts. Niemand, der sich für sie einsetzt, sie vor der gnadenlosen Ausbeutung schützt.

Ich wünsche mir ein Sandmännchen, dass unseren Politikern heute Nacht den Artikel von Wallraff an die Badezimmerspiegel hängt. Vielleicht schafft es morgen dann doch noch einer, in den Spiegel zu schauen. Als Konsument kann ich mich nicht nur schämen, sondern auch selber handeln. Pakete nur mit Unternehmen verschicken, die anständige Löhne zahlen und online nur bei den Firmen bestellen, die ebenfalls mit solchen Paketunternehmen versenden.

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