Ausbeutung vor der Haustür

Ausbeutung vor der Haustür

Nach dem Bericht „Armee der Unsichtbaren“ von Günter Wallraff auf der Webseite von Zeit Online wird niemand auf die Idee kommen, die Paketzusteller würden sich einer „spätrömischen Dekadenz“ hingeben.

Das was Wallraff beschreibt, ist erschreckend, beunruhigend. Die Art und Weise, wie der dort beschriebene Konzern mit den Paketauslieferer umgeht, ist unbeschreiblich. Dem Journalisten Günter Wallraff gelingt es trotzdem, die Zustände zu beschreiben und dem Elend Gesicht und Namen zu geben. Wie schon häufiger davor legt er dabei den Finger in die Wunde, die das System billigend in Kauf nimmt. Der Alltag der Ausbeutung findet nicht irgendwo in einem Dritte-Welt-Land statt, sondern mitten in Deutschland. Während wir immer wieder auf China blicken und unseren moralischen Zeigefinger erheben, sehen wir nicht, was sich vor der eigenen Haustür abspielt.

Paketauslieferer, so wie es Wallraff beschreibt, werden von uns „nur in ihrer Funktion wahrgenommen“, dabei müssten wir ihnen Respekt und Anerkennung zollen. Menschen, die so viel und so hart arbeiten, unter nahezu unmenschlichen Bedingungen, nur um nicht auf den Staat angewiesen zu sein. Die lieber arbeiten, als Sozialhilfe zu beziehen. Als Dank erhalten sie – nichts. Niemand, der sich für sie einsetzt, sie vor der gnadenlosen Ausbeutung schützt.

Ich wünsche mir ein Sandmännchen, dass unseren Politikern heute Nacht den Artikel von Wallraff an die Badezimmerspiegel hängt. Vielleicht schafft es morgen dann doch noch einer, in den Spiegel zu schauen. Als Konsument kann ich mich nicht nur schämen, sondern auch selber handeln. Pakete nur mit Unternehmen verschicken, die anständige Löhne zahlen und online nur bei den Firmen bestellen, die ebenfalls mit solchen Paketunternehmen versenden.

9 Replies to “Ausbeutung vor der Haustür”

    1. Im Büro haben wir einen Lieblingszusteller von der DHL. Der sieht auch immer ganz entspannt aus – ganz im Gegenteil zu Pakteboten der Konkurrenz.

  1. Die Dienste haben z.T. ihre Geschäftsmodelle auf der Ausbeutung von Menschen basiert. Dies ist seit Jahren bekannt. Ich glaube nicht, dass sich an diesen Zuständen etwas ändern wird. Es ist nämlich – immer noch – alles sozial, was Arbeit schafft. Und im Zweifel wird gesagt, dass die Arbeitnehmer, die solche Jobs nicht tun können oder wollen, sich halt auch etwas anderes suchen können.
    So ist das Klima in Deutschland – trotz demografischer Entwicklung und angeblicher Entspannung am Arbeitsmarkt.
    Dieser Artikel ist im Zusammenhang mit Wallraffs Arbeit übrigens sehr interessant: http://bit.ly/M23dbd

    1. Im verlinkte Artikel wir Wallraff vorgeworfen, er sei „kein seriöser Journalist“. So was sagt sich leicht dahin, und wenn man den Maßstab des Autors dort an ihn selber anlegt möchte man noch ergänzen „ohne das mit Wallraff gesprochen wurde“. Heute Morgen beim Lesen eines Artikels im Kölner Stadt-Anzeiger wurde mir bewusst, dass Wallraff 69 Jahre alt ist. Das er sich in dem Alter diese Art der Recherche antut, die definitiv eine hohe gesundheitliche Belastung darstellt, verdient alleine schon Respekt.

      Es ist auch auch für „Zettel“ bequemer, jemanden der Agitation zu bezichtigen als über das, was Wallraff bloßgestellt hat, nachzudenken. Hauptsache, man muss sich selber nicht hinterfragen.

      Und noch eins: das der Blog weder ein Impressum hat noch sonst wie zu erkennen ist, wer sich hinter „Zettel“ verbirgt, lässt auch mehre Rückschlüsse über den Verfasser dort zu.

  2. Es wird wohl nicht nur in Österreich der mehr geschimpft, der sagt „da stinkts“, als der der dafür verantwortlich ist … schließlich haben es sich viele in dieser Situation bequem gemacht + leben von der Ausbeutung anderer.

    1. Das ist leider so. Oder mit Amazon gesagt: Leuten, die gerne billige T-Shirts kaufen, gefällt auch die Kinderarbeit in Dritte-Welt-Ländern.

  3. Stimmt, wir nehmen die Service-Leistungen als gegeben hin und regen uns auf, wenn es einen Tag länger dauert. Ich kann über die DHL-Mitarbeiter hier nur sagen, sie sind immer sehr freundlich und setzen stets alles dran, die Ware zuzustellen – auch wenn man mal nicht angetroffen wird. Sie rufen an, fragen nach, ob man jetzt zu Hause sei und liefern nochmals. Das müsste uns allen ein kleines Trinkgeld Wert sein – was früher als selbstverständlich galt, heute aber vergessen zu sein scheint.

  4. Pingback: BlogMemo

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über Thomas Boley

Geboren wurde ich im Jahre des Herren 1971 in Wesel am Niederrhein – die Kommentare an dieser Stelle bezüglich des Bürgermeisters bitte verkneifen! Mein Verhältnis zu dieser Stadt würde wohl den Umfang dieser Seite sprengen. Nur soviel sei gesagt: Es ist durchaus durchwachsen, worin es sich aber nicht von meinem Verhältnis zu Bielefeld unterscheidet. Nach dem üblichen Werdegang (Kindergarten, Schule, Abitur, Zivildienst) und den üblichen jugendlichen Irrungen und Wirrungen verschlug es mich zum Studium nach Bielefeld verschlagen. 18 Jahre später ging es dann zurück an den Rhein, in die Domstadt Köln. mehr erfahren