Grenzgang

Es gibt Bücher, hinter denen mehr als nur eine Geschichte steckt. Manche dieser Geschichten haben weniger mit dem Autor als mit den Lesern selber zu tun. Gepackt hatte mich der Roman „Grenzgang“ von Stephan Thome bereits mit dem ersten Satz.

Trotz allem, denkt sie: Der Garten ist ein Traum.

Ein Satz, der neugierig macht. Trotz dem führte meine erste Begegnung mit diesem Satz nicht sofort zu einer Kaufentscheidung. Der Roman von Thome wanderte auf meine Bücher-Wunschliste und verschwand aus dem Blickfeld. Ende letzten Jahres, auf dem Rückweg von einem Spaziergang fand ich dann hier im Agnes-Viertel auf einem Sims mehrere ausgesetzte Bücher. Darunter den „Grenzgang“. Ich erinnerte mich wieder, nahm das Buch nicht nur zur Hand, sondern auch mit nach Hause.

Monate später. Fast ein Jahr ist vergangen, seit dem mir der erste Satz entgegen sprang. Auf einem Stapel Bücher war „Grenzgang“ das nächste Buch, welches ich gestern Abend zu Ende gelesen habe. Fast 460 Seiten Stoff. So was lese ich normalerweise zügig durch. In diesem Fall brauchte ich allerdings etwas länger. Die Zeit zog sich beim lesen genau so, wie sie sich auch im Roman zieht. Das sollte man allerdings nicht, wie einige Rezensenten auf amazon, mit Langeweile verwechseln. Die Art und Weise, wie Thome schreibt, dient dazu, die drückende Schwere, welche auf den Figuren lastet, in besonderer Weise deutlich zu machen. Das Leiden der beiden Hauptfiguren Thomas Weidemann und Kerstin Werner wird so spürbar.

Als roter Faden, der einem auch hilft, den unterschiedlichen Zeitebenen und Rückblenden zu folgen, dient der „Grenzgang“, ein dreitägiges Volksfest, welches alle sieben Jahre in Bergenstadt veranstaltet wird. Immer wieder rund um diesen Grenzgang treffen Weidemann und Werner aufeinander. Werner ist nach Abschuss eines erfolgreichen Ballettstudiums in Bergenstadt gelandet. Durch ihre Freundin Anita lernte sie ihren Mann bei einem Grenzgang kennen. Im Rhythmus der sieben Jahre zeigt sich erst ihr Mutterglück, dann erste Zweifel und das Fremdgehen ihres Mannes, gefolgt vom Leben ohne Illusionen nach der Scheidung. Geblieben ist ihr nur ein marodes Haus, der sechszehnjährige Sohn in mitten einer schwierigen Phase des Heranwachsens und ihre demenzkranke Mutter.

Thomas Weidemnann hat das Ende seiner Universitätskarriere erreicht, nach dem er sich mit seinem Doktorvater überwarf. Der Strudel seiner eigenen Resignation zieht ihn wieder in seinen Geburtsort Bergenstadt, wo er als Gymnasiallehrer und Single keine Hoffnungen oder Zukunftspläne mehr hat. Die Größe von Berlin hat er bewusst gegen seine Heimat eingetauscht, um sich zu bestrafen – immer noch bemitleidet von seiner Ex-Freundin.

Fazit: Die Stärke diese Romans liegt darin, wie dicht es Thome gelingt, die erdrückende Atmosphäre zu beschreiben. Manche Passagen muss man einfach aushalten, vielleicht auch das Buch für ein paar Stunden zu Seite legen, bevor man weiter liest. Durchzuhalten, lohnt sich auf jeden Fall. Am Ende bleiben Bilder im Kopf zurück, die einen noch länger beschäftigen. Genau das ist es, was gute Literatur leisten sollte. Das „Grenzgang“ der Debütromane von Thome sein soll verblüfft. Manch anderer Autor bekommt so etwas sein ganzes Schreibleben nicht hin.

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