Steinzeitpiraten

Seit ein paar Wochen verfolge ich die Diskussion um die Aussagen der Piratenpartei in ihrem Parteiprogramm zum Thema Urheberrecht bzw. die nicht-kommerzielle Vervielfältigung. Das Für und Wieder habe ich mir angehört oder durchgelesen, mir meine eigenen Gedanken dazu gemacht. Parallel dazu habe ich mir die entsprechende Stelle im Parteiprogramm durchgelesen.

Viel ist es nicht, was dort zu finden ist. Das was dort steht, basiert meiner Meinung nach auf einem großen Missverständnis. Die Piraten begreifen sich selbst, soweit ich das mitbekommen habe, als moderne Partei. Gleichzeitig ist sie aber verhaftet in einem Denken, welches der Steinzeit entspringt. Die sogenannte nicht-kommerzielle Vervielfältigung ist in der heutigen Gesellschaft ein Relikt und entspringt der Jäger und Sammler-Mentalität. Korrekt ist, dass sich (digitale) Werke wie Filme, Bücher und Musik verlustfrei kopieren lassen. Dabei wird aber außer Acht gelassen, dass dies nur dann notwendig ist, wenn man die Werke besitzen will.

„Um die allgemeine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur zu verbessern“, wie die Piraten schreiben, ist ein solcher Besitz jedoch nicht notwendig. Dahinter steckt unter anderem die Teilhabe am kulturellen Leben. Den Begriff der Teilhabe gebrachen die Piraten öfter in ihrem Parteiprogramm. Eigenartiger Weise jedoch nicht in dem Teil, welches sich mit „Urheberrecht und nicht-kommerzielle Vervielfältigung“ befasst.

Die Piraten, so mein Eindruck, sind auf einem Auge blind. Wenn es um kulturelle Teilhabe und um die allgemeine Verfügbarkeit von Information, Wissen und Kultur geht, führt der Weg dorthin nicht über Vervielfältigung – abgesehen davon darf bezweifelt werden, ob diejenigen, die im großen Stil „vervielfältigen“, die so gesammelten Werke überhaupt bewusst konsumieren. Ich denke, es geht dabei primär um das Besitzen. In Bezug auf Musik und Filme kenne ich mich nicht so gut aus, aber im Bereich der Bücher. Ich weiss, wie viele Bücher ich im Schnitt lese. Wenn es hoch kommt, schaffe ich ein Buch pro Woche. Das sind im Jahr maximal 52 Bücher. Tatsächlich werden es wohl weniger sein. In 10 Jahren werde ich auf diese Weise 520 Bücher schaffen – maximal. Wenn jemand sich im großen Stil Bücher kopiert – wann wird er diese alle lesen wollen? Als Autor stelle ich mir die Frage, ob es dort tatsächlich um Teilhabe an der Kultur geht oder schlicht nur um die Mehrung des eigenen Besitzes. Wenn jemand seinen eigenen Besitz auf diese Weise vermehrt, warum sollte das dann kostenlos sein? Es handelt sich nicht um Teilhabe sondern um Bereicherung auf Kosten anderer.

Ein weiterer Punkt: es gibt bereits eine Möglichkeit, nahezu kostenlos an Wissen, Informationen und Kultur zu partizipieren. Dieser Weg führt über die städtischen Bücherreihen, die zum Teil auch schon einen passablen Bestand an eBooks (und auch Musik und Filme) haben. Natürlich leiht man sich dort die Werke nur aus. Für eine Teilhabe reicht das aber meiner Meinung mehr als aus. Bei einer fairen Auseinandersetzung mit dem Thema würde man daher vernünftigerweise eine Stärkung der städtischen Leihbibliotheken fordern.

Eine „faire Rückführung in den öffentlichen Raum“, so wie sie die Piraten sie fordern, ist nicht notwendig. Sie existiert bereits.


Weiterführende Literatur:
Die Bedeutung der Öffentlichen Bibliothek für die Stadt – Orientierung auf die Informationsgesellschaft
Die Bedeutung der Bibliotheken für die Zukünftige Bürger- und Informationsgesellschaft
Die Wissens- und Informationsgesellschaft als Herausforderung für die Entwicklungspolitik

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