Affektiertheit statt Können

Gestern war ich, obwohl ich es vermutlich hätte besser wissen müssen, bei den Vergraemungen, organisiert von geeks@cologne in der Stadtbibliothek Köln. Vielleicht sollte ich diesen Text anders beginnen; damit, dass ich möglicherweise kein Geek bin.

Eine gute Lesung bedeutet für mich vor allem einen guten Text vorgelesen zu bekommen. Nicht ein Fragment, was Halbfertiges oder etwas, was mangels Vorbereitung noch mal schnell aus der Schublade gezogen wurde. Vielleicht finden wirkliche Geeks ein solche Vorgehen witzig. Für mich ist es eher ein Armutszeugnis für diejenigen, die gestern Abend vorgetragen haben. Man kann sich noch so affektiert verhalten (und angeblich bei Verfassungsschutz arbeiten oder die rechte Hand des Papstes sein), am Ende zählt der Text, den man geschrieben hat. Ich halte es für selbstverständlich, bei einer öffentlichen Vorlesung keinen Text zu präsentieren, der den Eindruck erweckt, er wäre nicht ein Mal überarbeitet worden.

Autor zu sein bedeutet auch, Texte zu überarbeiten. Das ist, schließlich steckt es bereits im Wort, tatsächlich Arbeit – und nicht gerade wenig Arbeit. Mit der Meinung hätte ich gestern vermutlich allein auf weiter Flur gestanden, denn der überwiegende Teil des Publikums schien sich bestens amüsiert zu haben. Das ist für mich aber kein Kriterium von Qualität. Viele Menschen halten schließlich auch bekannte Player der Systemgastronomie für richtige Restaurants, wo man hervorragendes Essen bekommt.

Man könnte auf die Idee kommen, mein Problem mit den Vergraemungen sei altersbedingt. Davon bin ich aber nicht überzeugt, sowohl bei Poetry-Slams als auch anderen Veranstaltungen habe ich zum Teil sehr junge Autoren erlebt, die weitaus bessere Texte verfasst haben, als das, was gestern Abend geboten wurde. Das hört sich hart an, aber ich gestehe mir zu, diese Meinung zu haben.

Beim NaNoWriMo habe ich Menschen kennen gelernt, die 30 Tage im November kämpfen. Mit und für ihren Text, am am Ende des Monats 50.000 Wörter oder mehr zu haben. Diesen Geist, der ein Stück weit auch von Selbstdisziplin geprägt ist, habe ich gestern schmerzlich vermisst. Mal eben 140 Zeichen in den Raum werfen ist keine Kunst. Aber anscheinend kann man sich damit einen Namen machen. Mich stimmt das auch deshalb traurig, weil die vielen NaNoWriMo`s dagegen in der Öffentlichkeit eher unsichtbar sind. Vielleicht ist es notwendig, eine eigene Veranstaltung anzudenken, bei der Menschen aus dem deutschen NaNoWriMo-Forum die Gelegenheit haben, ihre Texte zu präsentieren. Nicht als Konkurrenz zu den „Vergraemungen“, denn ich denken auch, dass es ein anderes Publikum wäre, welches an den Texten Gefallen finden könnte.

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