Ausbeutung und anderswo

Als ich vergangenen Freitag, zuerst via Twitter, von der Insolvenz der Drogerie-Kette Schlecker erfahren habe, war meine erste Reaktion Freude. Ja genau, ich habe mich darüber gefreut, auch wenn dadurch im schlimmsten Fall alle Mitarbeiter des Unternehmens arbeitslos werden.

Die Ängste und Sorgen der bei Schlecker beschäftigten Menschen kann ich gut nachvollziehen. Über die Arbeitsbedingungen dort brauch ich aber nichts zu lesen, denn ich kenne jemand aus meiner Familie, der dort eine Zeit gearbeitet hat. Ich der Filiale gab es weder Telefon noch Toilette. Nur eine Mitarbeiterin im Laden war damals der Regelfall. Ob das über so ist, kann ich nicht beurteilen, da muss ich denen Glauben schenken, die auch von anderswo nichts rühmliches über die Methoden des Antons Schleckers zu berichten wussten.

Man kann sich nachvollziehbar auf Standpunkt stellen, dass schlecht bezahlte Arbeit immerhin besser sei als keine Arbeit. Das die Menschen selber doch froh seien, dort einen Job zu haben – auch wenn das, was sie monatlich an Lohn erhalten, nicht zum Leben reicht. Mit der gleichen Argument, mit dem man sich dafür ausspricht, dass so eine Arbeit besser sei als keine, lässt sich auch Sklaverei oder Kinderarbeit rechtfertigen.

Mit viel guten Willen lässt sich auch darüber hinweg sehen, dass die günstigen Preise eine Illusion für den Verbraucher sind. Wenn der Preis eines Artikels deshalb so günstig ist, weil die Mitarbeiter schlecht bezahlt werden und daher auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, zahlt jeder Kunde der Drogerie-Kette letzten Endes über seine Steuern drauf. Es bleibt holistisch betrachtet ein Nullsummen-Spiel. Nicht ganz allerdings, weil einer daran verdient, bzw. verdient hat. Der Niedergang hat sich lange angekündigt, wie zu lesen ist. Ich ganz persönlich vermeide es schon seit Jahren, bei Schlecker einzukaufen. aus den Erfahrungen heraus und weil ich die gesamte Atmosphäre, die in den Läden herrscht, als sehr bedrückend empfinde. Nebenbei gesagt gibt es auch eine Drogerie-Kette, die es geschafft hat, das genau Gegenteil von Schlecker zu sein. Auch ohne den Namen zu nennen, dürfte der Name jedem auf der Zunge liegen.

Mit dem Suhlen in der eigene Selbstgerechtigkeit könnte ich jetzt weiter fortfahren oder den Artikel einfach beenden. Damit ist das Kapitel Ausbeutung allerdings nicht beendet. Jedenfalls nicht für mich. Seit etwas über einer Woche verfolgt mich ein schlechtes Gewissen, ringe ich mit einer Entscheidung. Denn Schlecker ist kein Einzelfall, wohl aber das bekannteste Beispiel. Erst als man mich mit der Nase darauf gestoßen hat, ist mir bewusst geworden, unter welchen Bedingungen zum Teil Mitarbeiter bei Amazon beschäftigt sind. Ja richtig gelesen, Amazon, der Onlinebuchverkaufpionier, mittlerweile zum Warenhaus für fast alles gewachsen, macht auch negative Schlagzeilen. Nicht nur im Weblog von ver.di findet man dazu Hintergrundinformation. Und plötzlich stehe ich ganz dumm da. Freue noch eben über die Pleite von Schlecker und bestelle nebenbei etwas von meiner Amazon-Wunschliste. Auf ganzer Linie versagt. Während es ohne Probleme möglich war, einfach in einer anderen Drogerie einzukaufen, flüchtet man sich jetzt in Ausreden, warum genau das bei Amazon nicht möglich sei. Würde ich Amazon boykottieren und würden das viele Menschen machen, so wäre die Mitarbeiter dort doch ihren Job los, höre ich mich selber sagen.

Es fällt schwer, in den Spiegel zu schauen und nicht zusammen zu zucken vor dem, was man dort erblickt. Und weil das schlechte Gewissen dabei ist, sich bemerkbar zu machen, legt es gleich noch einen drauf. Weiss ich wirklich, wo mein Paar Socken oder mein T-Shirt herkommen? Ganz bestimmt ist beides unter Bedingungen hergestellt worden, die ich, wenn ich überhaupt noch ruhig schlafen möchte, lieber nicht kennen sollte. Was ist denn der angemessen Preis für ein T-Shirt? Bedeutet es, wenn ich für eine Jeans sehr viel zahle, dass auch die Näherin anständig entlohnt wurde? Oder ist es nicht so, dass das teurere Produkt unter den gleichen miesen Bedingungen produziert wird und ich mit dem kauf der teuren Ware nur den Profit eines Unternehmers steigere?

Die Qualität eines Produktes, so habe ich in den letzten Jahre als Verbraucher gelernt, lässt sich nicht am Preis festmachen. Und wenn sich schon nicht die messbare physikalische Qualität am Preis ablesbar ist, wie ist es dann erst mit der ethischen Qualität eines Produktes? Konsument mit Gewissen zu sein, kann ein Fulltime Job werden. Siegel und Zertifikate bieten ein gewisses Maß an Orientierung, aber mehr auch nicht. Die Stressfreie Verpackung von Amazon ist für mich als Kunde stressfrei. Mehr aber auch nicht.

Selbst wenn Schlecker komplett verschwinden wird, so ist der Boden gut gedünkt für andere. Erst wenn wir unsere eigens Verhalten als Kunden erkennen und lernen, unsere Kaufkraft auch als Kraft zu begreifen, mit der sich etwas bewirken und ändern lässt, erst dann bewegen wir uns einen kleinen Schritt weiter auf eine etwas bessere Welt. Ich für meinen Teil verspreche, mir Mühe zu geben. Mein erster Schritt war es, in der letzten Woche Bücher vor Ort bei einer Buchhandlung im Veedel zu bestellen – und bei ver.di nachzufragen, was aus ihrer Sicht der beste Weg ist, die Mitarbeiter bei Amazon in ihrem Anliegen zu unterstützen.

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