Tödliche Weihnachten (19)

Es gab mehr als einen Grund für Grönen, Vera Böckel mit auf das Revier zu nehmen. Der Dackeblick von Knutsen würde ihn dabei nicht stören. Nur wenn man unvoreingenommen war, konnte man in diesem Beruf bestehen. Sie von persönlichen Gefühlen leiten zu lassen, führte zu nichts außer Schwierigkeiten. Durch die gefälschte Kündigung und durch ihre Erpressung war Böckel Schuld am Selbstmord von G., daran gab es für Grönen keinen Zweifel. Weihnachten war auch schon vorbei, so dass übertriebene Milde fehl am Platz war. Von ihr hielt Grönen ehedem nichts. Auf der anderen Seite musste er sich aber fragen, wem mit der Wahrheit geholfen war.

Für die Frau von G. wäre es sicher keine Erleichterung zu erfahren, was zum Selbstmord ihres Mannes geführt hatte. So hart gesotten war er nicht, ihr die Gründe ins Gesicht zu sagen. Wenn man es recht betrachtete, war Böckel auch ein Opfer. Erst das was G. ihr angetan hatte, hatte sie dazu getrieben, seine Kündigung zu fälschen. für den Staatsanwalt war der Fall bereits erledigt gewesen, bevor Grönen auf eigen Faust weiter ermittelt hatte. Der Einzige, der noch nachfragen konnte, was denn jetzt aus den Ermittlungen geworden sei, war der Firmeninhaber. Mit seinen Fragen hatte Grönen schlafende Hunde geweckt. Grönen sah die Verzweiflung und Angst im Gesicht der jungen Frau. Durchaus möglich, dass sie sich was antuen würde.

„Knutsen, was sagen wir Herrn Bergmann?“

Knutsen fühlte sich völlig überrumpelt. Er war hier genauso richtig wie ein Eisbär in der Wüste. Selbst seine kalte Wohnung wäre jetzt ein Ort, an dem er lieber wäre als hier. Für Vera war er vermutlich genauso gestorben wie Herr G. Seine eigen Feigheit war daran Schuld. Nicht in der Lage, Grönen zu widersprechen, weil er sein Vorgesetzter war. Angst davor zu haben, berufliche Nachteile zu erleiden. Und schließlich die Einsicht, dass Grönen nicht nur ein Stück weit Recht hatte. Die Frau, die er kennen gelernt hatte, war mit Schuld am Tod von G., auch wenn er das nicht glauben wollte. Seine Gefühle für sie standen ihm im Weg.

„Bergmann? Was soll ich dazu sagen? Ich – vergiss es.“

Er drehte sich einfach um und ging zur Tür. Sollte Grönen doch denken was er wollte. Vera war ihm nicht egal, er konnte es nicht. Weder war es ihm möglich, sich für sie noch gegen sie zu stellen. Ihm wurde schlagartig bewusst, was das hieß. Er war kein guter Polizist, würde es vermutlich auch nicht mehr werden. Was Grönen ihm hinterher rief, bekam er nicht mehr. Einfach nur noch raus, laufen, weg von allem. Seine Füße fanden den Weg von ganz alleine. Brachten ihn genau zu der Stelle, wo der Wagen von G. gestanden hatte. Er lehnte sich an einen der Bäume, spürte lange nicht die Kälte, die an ihm hochkroch. Als Grönen ihn fand, war Knutsen halb erfroren.

„Junge, du machst vielleicht Sachen.“

Knutsen bekam kaum mehr die Zähne auseinander. Grönen wusste jedoch, was Knutsen wissen wollte.

„Mach dir keine Sorgen. Der Fall ist abgeschlossen, ganz so, wie Willfinger es wollte. Vera Böckel wird nach dem Urlaub von Herr Bergmann kündigen und Erfel wieder verlassen.“

Für Knutsen gab es einen Grund mehr, Weihnachten zu hassen.

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