Wasser sparen

Mit Wasser musste man sparsam umgehen, nicht nur im Krieg. Wilhelm wusste das. Seine Großmutter hatte ihm das eingebläut, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Ihr Haus war nach dem Krieg das Einzige in der Straße gewesen, was noch stand. Alles hat seine Ordnung, alles seine Richtigkeit. Das war für sie der Grund gewesen, warum das Haus noch stand. Nicht etwa Gott oder Schicksal. Sie hatte es sich ihrer Meinung nach verdient, dass ihr Haus von den Bomben verschont worden war. Und die anderen, ja, die hatten es eben auch verdient. Wilhelm hatte sich nie getraut zu fragen, ob er es auch verdient hatte, ohne Vater und Mutter groß zu werden. Man sprach im Hause Wermann nicht über die beiden. Da gab es keine Widerrede.

Mittlerweile war Wilhelm fast so alt, wie seine Großmutter gewesen war, als sie starb und ihm das Haus samt Mieter vererbte. Noch kurz vor ihrem Tot hatte sie ihm eingeschärft, auf alles Acht zu geben. Sich um die Einhaltung der Kehrwoche unter den Mietern zu kümmern und ihnen stets klar zu machen, dass sie allenfalls geduldete Gäste, allerdings zahlende Gäste, im Haus waren. Gestern hatte Wilhelm für die Mieter die Wasserabrechnung fertig gemacht. Gewissenhaft wie immer, aber nicht genau. Gerade bei dem in wilder Ehe lebende Paar im zweiten Stock schlug er immer etwas drauf. Er hielt das für nötig, um die beiden zu erziehen. Tägliches duschen war pure Wasserverschwendung. Einmal in der Woche baden, jeden Samstag, so kannte er das. Im Unterschied zu früher bestand der einzige erkennbare Luxus für ihn darin, dass er sein Badewasser für sich alleine hatte und nicht in das bereits gebrauchte seiner Großmutter musste. Ein schlechtes Gewissen, nein, so was hatte nicht. Dennoch war er nicht überrascht, als es an der Tür klingelte und der Mann aus dem zweiten Stock mit der Abrechnung in der Hand vor ihm stand.

„Das kann nicht sein Herr Wermann. Sie müssen sich vertan haben.“

„Vertan? Ja stimmt. Damit, ihnen die Wohnung zu vermieten.“

„Was fällt ihnen ein, so mit mir zu reden?“

Der Mann trat durch die offene Tür in den Hausflur auf Wilhelm zu. Wilhelm bekam es mit der Angst zu tun. Der Mann war jünger, bestimmt auch stärker. Instinktiv griff er zu seinem Jagdgewehr, dass an der Wand im Flur hing. Schussbereit. Wegen der Einbrecher, die genau deshalb immer einen großen Bogen um das Haus machten, wie Wilhelm zu wissen glaubte. Der Mann wollte ihm das Gewehr aus der Hand reißen, doch Wilhelm war schneller. Der Schuss traft den Mann mitten in den Bauch. Ächzend ging dieser zu Boden, kroch aus dem Flur ins Treppenhaus. Wilhelm folgte ihm und versetzte ihn den Gnadenschuss. Dann ging er die Treppen hoch in den zweiten Stock. Niemals nur halbe Sachen machen. Wilhelm hämmerte gegen die Tür. Solange, bis ihm dieses Flittchen aufmachte. Statt eines bösen Wortes fiel ein weiter Schuss. Als auch sie erledigt war, brachte Wilhelm sein Gewehr zurück in den Flur, holte Putzeimer und Lappen und machte sich dran, den Hausflur zu wischen. Blut zog so furchtbar schnell in den Marmor ein.

„Marmor ist ja ein poröses Gestein, das holt einiges auf“, sagte er zu den beiden Polizeibeamten, die ihn widerstandslos abführten.

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