Herzlos

Man hat mir gesagt, ich habe kein Herz. Sprechen wir es ruhig aus. Mir wurde Herzlosigkeit vorgeworfen. Mich hat das getroffen, wenn auch nicht unbedingt mein Herz. Aus nahliegenden Gründen, versteht sich. Ich will mich erklären.

Es ist wirklich so, wie die Leute sagen. Ich habe kein Herz. Mehr. Denn es war nicht immer so. Wie jeder andere bin auch ich mit einem Herz geboren worden und aufgewachsen. Selbst als Erwachsener hatte ich noch ein Herz. Dann aber, im letzten Sommer. Die Rückfahrt aus dem Süden, aus dem Urlaub. Eine dieser namenlosen und zahlreichen Autobahnrastplätze. Nicht die mit Tankstelle und Restaurant. Nur Parkplätze und ein paar Holzbänke abseits der Straße. Für einen Moment ausruhen, sich die Beine vertreten. Frische Luft schnappen wäre, in unmittelbarer Nähe zur Autobahn, etwas übertrieben. Wir nahmen die Brote, die wir uns am Morgen geschmiert hatten, die Thermoskanne mit Tee und setzten uns auf eine Bank. Mein Herz und ich. Wir saßen zusammen, plauderten über die hinter uns liegenden Tage. Ich goss uns Tee ein, der noch dampfte.

Autos zogen vorbei. Ich kniff die Augen fast zu, blickte rüber. Ein schnelles Wechselspiel der Farben. Spürte die Wärme der noch kräftigen Sonne auf meinem Gesicht. Lächelt mein Herz an. Ein Wagen fuhr auf den Parkplatz, hielt abseits von unserem Auto. Einen Moment lang passierte nichts. Langsam, fast zögerlich stieg dann ein älteres Ehepaar aus. Wir winkten freundlich rüber. Die Frau winkt zurück, der Mann hob nur kurz seinen Hut hoch und deutet ein Nicken an. Sie suchten sich ein Tisch, abseits von unserem. Wollten unter sich blieben. Mein Herz und ich verstanden das. Oft möchte man sich einfach nicht mit Fremden unterhalten, gar nicht unterhalten. Man schweigt sich gegenseitig an. Kein böses Schweigen. Eher ein vertrautes, fast zärtliches Schweigen.

Meine Beine machten sich bemerkbar. Ich spürte ihr Unruhe. Sie wollten los, zurück ins Auto, nach Hause und wieder weiter. Ständig in Bewegung, die beiden. Mein Herz wollte noch für einen Moment sitzen bleiben, die Sonne genießen. Mach das, ich warte ihm Wagen, sagt ich zum meinem Herz und ging zurück. Aus einem Impuls heraus öffnete ich den Kofferraum, schaute hinein. Es befand sich darin nur das, was wir bei unsere Abfahrt hinein getan hatte. Mehr nicht. Ich weiß nicht, ob ich erwartet hatte, dort mehr zu finden als drin sein konnte. Kopfschüttelnd über mich selber schloss ich den Kofferraum wieder und stieg ein.

Im Wagen Auto spürte ich diese Stille. Der Platz neben mir war noch frei. Ich schaltet das Radio ein. Der Rest der Nachrichten, das Wetter. Dann ein Stauwarnung. Wenn ich beeilte, könnte ich noch den Stau umgehen. Und so fuhr ich dann los, schnell und bestimmt. Ohne dran zu denken, was auf der Bank, in der Sonne noch saß.

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